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Markus:
Also, können wir starten?
Anthalerero:
Klar!
Markus:
Bevor wir aber zur Band kommen, möchte ich erst noch ein bisschen was über
dich wissen.
Anthalerero:
Gerne, schieß los.
Markus:
Also, in erster Linie würde mich interessieren wie lange du schon Fan bist,
und vor allem wie man zu so einer Band kommt. Vor dem Song Contest waren
Lordi ja in unseren Breiten vollkommen unbekannt.
Anthalerero:
Naja, so ganz unbekannt kann man nicht sagen, da ja sogar ihre erste CD 2002
vom deutschen Label Drakkar bei uns veröffentlicht wurde. Nur eben hat sich
zum damaligen Zeitpunkt noch niemand, na ja zumindest kaum jemand für so
eine Band interessiert. Und wie man dazu kommt? Nun, Ich habe sie damals,
ich glaube das war Anfang Herbst 2002, auch nur durch Zufall entdeckt, als
ich als begeisterter Rollenspieler auf der Suche nach neuen Kostümideen das
Internet durchstöbert habe. Es war zwar ein bisschen schwierig sich durch
die ganzen finnischen Webseiten zu wälzen, aber als ich erst einmal
herausgefunden habe dass es sich dabei um eine Band handelt, war ich ihnen
eigentlich sofort verfallen. Im Oktober ist dann die Single „Would you love
a Monsterman“ in Deutschland erschienen, und gleich darauf habe ich mir „Get
Heavy!“ (das erste Album, anm. d. Red.) aus Finnland bestellt – obwohl es
knapp drei Monate später dann bei uns auch herausgekommen ist. (lacht) Ich
dachte ja anfangs das so eine schräge Truppe sich nicht lange halten würde,
da hab ich mich damals wohl gründlich geirrt.
Markus:
Sieht so aus, ja. (lacht ebenfalls) Darum ist es umso verwunderlicher, das
es doch insbesondere in Deutschland und auch bei uns in Österreich schon
seit längerer Zeit eine eingeschworene Fangemeinde gibt, obwohl ihnen der
große Erfolg anfangs versagt geblieben ist.
Anthalerero:
Ja, eigentlich von Anfang an, was mich auch immer wieder gewundert hat.
Auch wenn sie in unseren Breiten, im Gegensatz zu Finnland wo die Single
und das Album auf Anhieb Gold und Platin geholt haben, eher unter ferner
Liefen geblieben sind. Aber der Markt insbesondere in Deutschland ist eben
sehr groß, und seit jeher eine Hochburg für härtere Musik, dementsprechend
ist auch das Angebot viel breiter gefächert, und neue Bands haben es
schwerer sich dort in den Spitzenregionen zu etablieren. Besonders so
schräge wie Lordi.
Markus:
Dann war es also in Finnland einfacher für Lordi?
Anthalerero:
Das würde ich nicht unbedingt sagen. Auch in Finnland ist die Dichte an
ausgezeichneten Bands sehr hoch, was es für Newcomer sehr schwierig macht.
Zudem hat nie jemand geglaubt dass es die Band wirklich schaffen würde,
dass das Konzept „Lordi“ überhaupt aufgehen könnte, weil es einfach so
ungewöhnlich, richtig verrückt war. Immerhin hat Lordi über 10 Jahre lang
auf einen Plattenvertrag warten müssen, und immer wieder die Antwort
bekommen, das entweder das Outfit beschissen wäre, oder die Musik einfach
nicht dazupassen würde. Aber etwas Anderes ist nie in Frage gekommen, weil
die gesamte Band einfach gesagt hat, entweder es geht so, oder gar nicht.
Das es dann in dieser Kombination wirklich funktioniert hat, war wohl
diese berühmte Portion Glück die man einfach ab und zu braucht. Das hätte
nämlich ohne weiteres auch so richtig in die Hose gehen können.
Markus:
Wie würdest du die Fanszene von Lordi, und die in Deutschland und
Österreich im speziellen beschreiben? Zeichnet sich da irgendein Trend ab,
welche Altersgruppen besonders viel Lordi hören, und welche dem eher
ablehnend gegenüber stehen?
Anthalerero:
Das ist eine recht schwierige Frage, besonders nach den ganzen
Veränderungen in den letzten Monaten. Es kommt aber auch immer auf die
Sichtweise an. Generell würde ich sagen die Fangemeinde, „Monstermaniacs“
wie wir uns selbst nennen, ist geprägt von sehr großem Zusammenhalt, auch
weit über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus. Es wird unter den Fans sehr
viel kommuniziert, und auch Sprachbarrieren sind da kaum ein Hindernis. Es
gibt sehr viele Projekte an denen Personen mit unterschiedlichen
Muttersprachen arbeiten – aktuell zum Beispiel arbeite ich mit dem Inhaber
der französischen Fanseite an einem Projekt über das wir alle
Lordi-Webmaster vernetzen wollen, um uns langwierige Suchen nach
Lordi-News aus anderen Ländern zu ersparen, und das leidige
Übersetzungschaos zu umgehen. Bei uns im deutschsprachigen Raum verhält es
sich eigentlich so, das sich inzwischen der Grossteil der Community auf
Lordicted.at konzentriert, wodurch man sich doch einen recht guten
Überblick schaffen kann. Es fällt auf, das Lordifans eigentlich nicht alle
eine bestimmte Musikrichtung bevorzugen – klar kommen die meisten aus dem
Bereich Rock oder Metal – aber generell sind die stilistischen Vorlieben
sehr weit gefächert. Die Fans bewegen sich wirklich quer durch alle
Altersschichten, unsere jüngsten registrierten Mitglieder sind um die 10
Jahre alt, die ältesten haben den 50er schon hinter sich. Man kann also
sagen, das Lordi wirklich die Generationen verbindet, auch wenn jetzt
durch den Sieg beim Song Contest und den dadurch entstandenen Medienrummel
gerade die Sparte der unter 16-jährigen gewaltig zugenommen hat. Worüber
auch nicht jeder von uns so glücklich ist, wie ich ehrlich zugeben muss.
Markus:
Interessant, ich dachte eher dass genau diese Altersgruppe eigentlich ein
wenig Angst vor diesen grusligen Gestalten haben müsste.
Anthalerero:
Im Prinzip ist genau das Gegenteil der Fall: die meisten Kinder lieben
Lordi. Weil sie aussehen wie ihr Spielzeug…
Markus:
Aus der Sicht habe ich es noch gar nie betrachtet, aber da ist etwas
Wahres dran, stimmt. Aber du sagtest dass nicht alle über die vielen
neuen, vor allem jüngeren Fans erfreut sind?
Anthalerero:
Ja, und ich muss sagen, dass ich die Argumente vieler Fans der ersten
Stunde schon verstehen kann. Jahrelang hat es diesen unbedingten
Zusammenhalt, und sehr große Toleranz, vor allem auch den Wünschen der
Bandmitglieder gegenüber gegeben, und es war immer möglich sachlich zu
diskutieren. Aber jetzt geht es bisweilen ziemlich rund, wenn sich
beispielsweise extrovertierte 14jährige darüber streiten welches
Bandmitglied am besten aussieht, und mit welchem sie... na ja, denk dir
den Rest. Das ist vor allem für die älteren Personen unter uns befremdlich
und eine ziemliche Umstellung – da prallen komplett verschiedene
Weltanschauungen aufeinander. Umgekehrt fürchten die langjährigen Fans
jetzt einen totalen Ausverkauf der Band, das trägt auch nicht unbedingt
zur Beruhigung der Situation bei. Dass es da Reibereien, manchmal sogar
richtigen Streit gibt, ist eigentlich vorprogrammiert.
Markus:
Inwiefern hatte die Enthüllung der bürgerlichen Namen und der wahren
Gesichter einen Anteil daran?
Anthalerero:
Einen ziemlich großen sogar, würde ich sagen. Überspitzt formuliert, würde
ich sagen es hat die Fans richtig gespalten, und viel Streits erst richtig
ausgelöst. Vor allem wenn dann manche Leute ganz stolz mit ihren
Fundstücken angekommen sind, und diese dann Mitgliedern, die eigentlich
gar nicht wissen wollten wie sie aussehen, unter die Nase gerieben haben.
Die waren teilweise ziemlich sauer darüber, und mussten sich im Gegenzug
dann auch noch anhören, dass sie endlich aufhören sollten ihre Augen vor
der Wirklichkeit zu verschließen. Dass sich viele bewusst die Illusion der
„echten“ Monster bewahren wollten, nicht nur weil es der Wunsch der
Bandmitglieder ist ihr Gesicht nicht zu zeigen, sondern weil es einfach
nur um die Bühnencharaktere geht die man in erster Linie mag oder nicht
mag - und nicht um die Menschen die sie darstellen. Für manche mag das
kurios erscheinen.
Markus:
Kannten du oder andere Fans die Personen unter den Masken vorher
überhaupt, beziehungsweise habt ihr sie bereits einmal unmaskiert
getroffen? Zeigen sie sich ihren Fans überhaupt je ohne ihre
Monstermaskerade?
Anthalerero:
(lacht) Welche Maskerade? Nein, Scherz beiseite. Zumindest bei mir ist es
so, dass ich sie eigentlich schon einige Jahre teils auch persönlich
kenne. Und viele Fans die die Band schon länger kennen, haben sie vor oder
nach Konzerten auch getroffen und ein bisschen mit ihnen geplaudert.
Trotzdem ist es keinem von uns eingefallen, das wir die Bilder die wir
teilweise geschossen haben, an eine Zeitung oder so verkaufen. Und die
Bandmitglieder wussten eben auch, dass sie sich in der Beziehung auf uns
Fans verlassen konnten. Wir haben uns immer größte Mühe gegeben, das
Geheimnis um ihre wahre Identität aufrecht zu erhalten. Umso
frustrierender war die Zeit kurz nach dem Erfolg beim Song Contest, als
auf einmal überall die richtigen Namen der Bandmitglieder und auch
massenweise unmasked-Fotos aufgetaucht sind. Zum Glück waren aber der
Großteil der Bilder falsch - an einigen Fakes waren wir Fans auch nicht
ganz unschuldig, gebe ich zu (lacht) - und nachdem wir bestimmt nicht
damit herausrücken werden welche Fotos nun richtig oder falsch sind, kann
man es sich eben aussuchen. Das definitiv witzigste Bild tauchte aber in
Holland auf, wo irgendein Witzbold ein Foto von Ralf Siegel als
angeblicher Lordi ohne Maske an eine Zeitung geschickt hat. Besonders die
deutschen Fans hat es schier zerrissen vor Lachen.
Markus:
Aber eines der Fotos wurde als echt bestätigt?
Anthalerero:
Anhand dieses fast 10 Jahre alten Fotos würdest du das betreffende
Mitglied heute ohnehin nicht mehr erkennen. Allerdings wurde das finnische
Magazin das es veröffentlicht hat, daraufhin von der breiten
Öffentlichkeit boykottiert – teilweise haben die Leute sogar ihre Abos
gekündigt! Und Fans haben eine Petition mit über 250.000 Unterschriften
eingereicht. Schließlich musste sich das Magazin öffentlich entschuldigen,
weil es Gefahr lief Bankrott zu gehen. Tja, die finnische Bevölkerung
beschützt ihre Nationalhelden – vor dem Sieg wäre das wohl anders
verlaufen.
Markus:
Ist es jetzt durch das vermehrte Medieninteresse als Fan schwieriger an
die Band heranzukommen?
Anthalerero:
Ja, definitiv. Es ist nicht mehr so wie früher, als sich die Leute, wenn
sie Lordi gesehen haben, nur kurz umgedreht haben, sie dann nach einem
schiefen Blick einfach als kostümierte Spinner abgetan haben, und
weitergegangen sind. Die Aufmerksamkeit ist jetzt ungleich größer, weil
sie durch den Song Contest inzwischen so gut wie jeder kennt. Man muss
jetzt schon ein bisschen Glück – oder Beziehungen – haben, um noch so
richtig auf Tuchfühlung gehen zu können. Da ist es vor allem gut für die
Bandmitglieder, das trotz allem ihre Gesichter noch nicht so bekannt sind,
das sie auf Schritt und Tritt verfolgt werden würden, und sich doch noch
immer weitestgehend unerkannt unter die Leute mischen können. Das war
besonders lustig im Juli auf dem Earthshaker (ein mehrtägiges Heavy
Metal-Festival bei Nürnberg –anm. d. Red.), wo wir zwei der Bandmitglieder
am Nachmittag auf dem Gelände, also direkt im Zuschauerraum, getroffen
haben, wo sie sich gemütlich ein Bierchen trinkend das Programm
reingezogen haben – natürlich noch unmaskiert. Das hat mich schon ein
wenig gewundert, vor allem weil sich so was von überhaupt niemand für die
Beiden interessiert hat, und sogar mehrere Leute in Lordi T-Shirts einfach
an ihnen vorbei gelaufen sind. Da habe ich nach dem ganzen Trubel durch
den Song Contest weitaus Schlimmeres erwartet.
Markus:
Womit wir auch beim Thema wären, der Eurovisions Song Contest 2006, nach
dem Lordi mit neuem Punkterekord als Sensationssieger feiern durften. Wie
hat sich der Erfolg letztendlich ausgewirkt? Was hat sich dadurch
verändert?
Anthalerero:
Letztlich ist der Sieg Glücksfall und Fluch zugleich. Ich meine… bitte
jetzt nicht falsch verstehen, nicht das ich ihnen den Erfolg nicht
vergönnen würde, ganz im Gegenteil! Es ist nur so dass alles einfach viel
zu schnell gegangen ist, und es eigentlich auf alle involvierten Personen,
Band, Management und auch Fans komplett unvorbereitet hereingebrochen ist.
Es hat ja nie jemand ernstlich mit einem Sieg gerechnet! Als die Band im
August letzten Jahres eingeladen wurde an der finnischen Vorausscheidung
teilzunehmen, dachte Lordi als man ihn angerufen hat, das sie die falsche
Nummer erwischt hätten! Als klar war, dass das Angebot wirklich ernst
gemeint war, hat es natürlich auch ziemliche Diskussionen in der Band
gegeben, unter anderem drohte ein Bandmitglied sogar mit dem Ausstieg,
sollte es zur Teilnahme an der Vorausscheidung kommen.
Markus:
Zwei der Bandmitglieder - Kalma und Enary - sind doch auch ausgestiegen,
oder bin ich da falsch Informiert?
Anthalerero:
Das ist soweit richtig – allerdings stand diese Entscheidung schon fest,
bevor die Sache mit dem Song Contest überhaupt erst aktuell wurde. Wobei
bei Kalma die Entscheidung schon länger festgestanden hatte, und die
Keyboarderin Enary im Sommer, als die Studioarbeiten fürs dritte Album
schon begonnen hatten, wegen persönlichen Differenzen ersucht wurde die
Band zu verlassen. Der Gitarrist, Amen, war es der mit dem Ausstieg
gedroht hatte. So gesehen, stand Lordi zu dieser Zeit also fast vor dem
auseinander brechen. Letztlich hat aber den Ausschlag für die Teilnahme
gegeben, dass sich die Band durch die Präsenz im Fernsehen kostenlose
Promotion für das kommende Album versprochen hat – besonders nachdem der
zweite Output „The Monsterican Dream“ durch seine doch recht künstlerische
Ader, und die ein bisschen unpassende recht metallastige Produktion von
Hiili Hilesmaa ziemlich gespaltene Meinungen hervorgerufen hat. Wie auch
immer, hätte sich niemand gedacht dass das was eigentlich als PR-Gag
begonnen hat, dann im Endeffekt derartig ausarten würde. Es war ja schon
ein Wahnsinnstrubel, als Lordi „nur“ die finnische Vorausscheidung
gewonnen haben. Da wurde es zunächst nur auf die große und gut
organisierte Fan-Lobby in Finnland geschoben, dass dieser Erdrutschartige
Sieg überhaupt möglich gewesen war. Danach war es bis zum Song Contest aus
der Sicht von uns Fans eigentlich nur noch witzig, was in den Medien so
alles abgegangen ist. Anfangs haben wir uns noch geärgert, dass die Band
nur auf ihr Outfit reduziert wurde, und mit Satanismus und Pädophilie in
Verbindung gebracht wurde.
Markus:
Pädophilie? Wie kam es überhaupt zu diesem Vorwurf?
Anthalerero:
Das weiß ich auch nicht genau. Aber vermutlich liegt es an Lordis erstem
Musikvideo „Would you love a Monsterman“, wo die Band versucht in einem
Wald ein Mädchen zu erschrecken das nur mit einem weißen Nachthemd
bekleidet ist, es aber nicht wirklich schafft weil die Kleine einfach
zurückpfaucht. Da nehmen sich Lordi quasi selbst auf die Schaufel. Ein
wirklich witziger Clip! Da hat wohl jemand einfach etwas in den Songtitel
hinein interpretiert, genau wie bei den Satanismus-vorwürfen zum
Eurovisionssong „Hard Rock Hallelujah“. Je mehr davon aufgetaucht ist,
desto lustiger fanden wir es schließlich was für ein Blödsinn da teilweise
geschrieben wurde, nur um die Teilnahme von Lordi zu stoppen. Teilweise
haben sich sogar Kirchenvertreter in die Diskussion eingemischt, und
wollten beispielsweise die finnische Präsidentin auffordern das Antreten
von Lordi kurzerhand zu verbieten. Lustigerweise, als Lordi dann ihren
ersten Auftritt in Athen bei den Proben bestritten, war von der ganzen
Feindseligkeit und dem Hickhack gar nichts mehr zu merken. Das lag
wahrscheinlich daran, das die ganzen Reporter erst dann, als sie den
„Monstern“ in Real gegenüber gestanden sind, gemerkt haben das da keine
kostümierten Irren am Werk sind, sondern ernstzunehmende, sympathische
Musiker, die mit beiden Beinen fest am Boden stehen. Da ist die Stimmung
dann umgeschwankt.
Markus:
Was letztlich den Sieg erst möglich gemacht hat?
Anthalerero:
Hmmm, das kann niemand sagen woran es letztendlich gelegen ist. Ob es die
vielfältigen Werbeaktionen waren die die Plattenfirmen und Fans
durchgeführt haben – Stichwort „I Vote for Lordi“-Partys in Deutschland -
oder die reißerische Berichterstattung in den Medien… Sicher ist nur das
es Lordi ohne Zweifel geschafft haben, wenn auch nur für einen Abend, die
Rock- und Metalszene Europas zu vereinen. Die ist doch zahlreicher als man
glauben möchte. Das es dann nicht nur zum Finalenzug, sondern sogar zum
überlegenen Sieg gekommen ist, war schlichtweg der Hammer. Danach war
einfach die Hölle los. Sämtliche Internetpräsenzen, sowohl offizielle als
auch Fanseiten sind nach dem Triumph unter der Masse an Besuchern einfach
zusammengebrochen. Darauf war einfach niemand vorbereitet gewesen. Man ist
eigentlich gar nicht dazu gekommen überhaupt zu realisieren was da
passiert ist, weil man vor lauter Chaos kaum dazu gekommen ist noch einen
klaren Gedanken zu fassen. Schon bei den Fanseiten ist es zugegangen wie
in einem Irrenhaus, Gratulanten, Reporter, alles mögliche! Und bei den
Plattenfirmen und beim Management war es natürlich ganz aus. Dort war
niemand zu beneiden, denn trotz Arbeit quasi rund um die Uhr sind sie auch
nur noch geschwommen. Das war eben die Kehrseite der Medaille. Es ist viel
Arbeit liegen geblieben, und auch mit den Auftrittsterminen hat es
kurzzeitig ein ziemliches Chaos gegeben, weil eben plötzlich jeder in
Europa ein Stück Lordi haben wollte – aber sich die Band nunmal nicht
zerreißen und überall gleichzeitig sein konnte.
Markus:
Das muss doch alles unglaublich anstrengend gewesen sein für die
Bandmitglieder, alleine das ständige Umziehen. Rein aus dem Kostüm, raus
aus dem Kostüm…
Anthalerero:
Mit Umziehen war da eigentlich nichts. Die Termine waren so dicht, das die
Bandmitglieder rund um den Song Contest teilweise bis zu 15 Stunden oder
länger nur im Kostüm herumgelaufen sind – einfach weil es nicht möglich
war sich zwischendurch umzuziehen, oder zu duschen. Immerhin brauchen sie
durchschnittlich eine halbe bis eine dreiviertel Stunde um sich in ein
Monster zu verwandeln – bei Lordi selbst dauert die Prozedur durch die
ziemlich kompliziert aufzutragende Maske sogar drei Stunden! Das große
Problem waren aber nicht so sehr die Masken und Kostüme selbst, sondern
der Flüssigkeitsverlust durch das extreme Schwitzen unter diesen Bergen an
Gummi – sie mussten quasi ständig Wasser in sich reinschütten um nicht zu
kollabieren. Trotzdem ist es nicht nur einmal vorgekommen dass sie am
Rande des Zusammenbruchs gestanden sind. Und man darf nicht vergessen dass
der Frontman das ganze Programm mit einer schweren Knieverletzung
absolviert hat, die er sich schon im März in Finnland bei einem Sturz
zugezogen hat.
Markus:
Im Ernst? Das wusste ich gar nicht. Dafür kann man wohl nur Hochachtung
zollen.
Anthalerero:
Ja, aber es ist immer wieder schade, wenn es Leute gibt die Lordi rein auf
ihr Outfit reduzieren, und nicht einmal merken was da überhaupt an Aufwand
dahintersteckt. Aber gut, man kann auch nicht von jedem erwarten, das er
sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzt.
Markus:
Es heißt ja, dass die Kostüme von der Band selbst angefertigt werden. Wie
viele Personen arbeiten da daran? Ich stelle mir das alles sehr
zeitaufwändig und kostenintensiv vor.
Anthalerero:
Ja das ist es definitiv, und das ist auch eine der Fragen die eigentlich
immer wieder gestellt wird. Es wird dich überraschen, aber die ganzen
Kostüme stammen alle – bis auf Ausnahme des Outfits des allerersten
Bassisten - aus der Hand von Lordi selbst.
Markus:
War das dieses roboterartige Kostüm im ersten Musikvideo?
Anthalerero:
Genau das – da hat aber jemand gut aufgepasst (lacht).
Markus:
Naja, man muss sich doch ein bisschen vorbereiten für so ein
Expertengespräch. Gut, ich gestehe ich habe zuvor ein bisschen auf deiner
Seite gestöbert.
Anthalerero:
Na, dafür ist die doch da! Aber um zu den Kostümen zurückzukommen – wenn
die Band dafür eigens jemanden einstellen hätte müssen, dann hätte es das
ganze Lordi-Projekt in der Form gar nicht erst geben können. Das wäre
einfach zu teuer gewesen für eine Band ohne Plattenvertrag, die damals
quasi nur ein Hobby war. Man muss ja daran denken, dass die Kostüme nicht
nur gemacht werden müssen, sondern auch ständig gepflegt und instand
gehalten werden müssen. Das ist auch äußerst zeitintensiv, wenn man da
nicht jemanden direkt in der Band hat der das Meiste unentgeltlich macht,
und da wirklich mit Herzblut dabei ist. Und das ist eben Lordi selbst. Er
hat einmal gesagt er hat nie ausgerechnet was er im Laufe der Jahre für
sein Projekt ausgelegt hat, und er möchte es auch gar nicht wissen. Dafür
wacht er aber auch recht eifersüchtig über sein Metier – da lässt er sich
absolut nichts dreinreden! Klar, bringen die Bandmitglieder auch ihre
eigenen Ideen bei ihren Kostümen mit ein, aber bei der Umsetzung gibt es
kein wenn und aber. Ausgenommen vielleicht bei den Bühnenaufbauten, da
hilft hauptsächlich Kalma (Ex-Bassist, anm. d. Red.) mit, fertigt zB
Rohformen nach den Plänen von Lordi an, die dieser dann gestaltet.
Markus:
Und wie sieht die Arbeitsteilung im musikalischen Bereich aus? Ist dort
auch Lordi tonangebend?
Anthalerero:
Natürlich ist Lordi der Hauptsongwriter. Allerdings bringen sich auch die
anderen Bandmitglieder sehr viel ein. Kita (Schlagzeuger, anm. d. Red.)
zum Beispiel, ist quasi alleine für das Arrangement der Backing Vocals
verantwortlich. Das erste Album „Get Heavy!“ war noch – eben bis auf die
Backgroundgesang - das wirklich alleinige Baby von Lordi. Auf „The
Monsterican Dream“ dann, treten alle fünf als Songwriter in Erscheinung,
was ursprünglich aber gar nicht unbedingt beabsichtigt war. Man hat eben,
wie das so ist während dem Arbeitsprozess an einem Album, einfach die
besten Songs genommen, und es hat sich so ergeben. Beim neuen Album war es
ähnlich, da sind ja auch Stücke von Kita und Amen mit drauf.
Markus:
Amen – das ist der Gitarrist. Woher dieser Name eigentlich kommt, darüber
habe ich mir schon einige Male den Kopf zerbrochen. Haben die Namen
eigentlich eine spezielle Bedeutung?
Anthalerero:
Ja, teilweise haben die Namen schon eine Bedeutung. Amen zum Beispiel, hat
überhaupt nichts mit dem christlichen Gebetswort zu tun, wie viele
glauben. Vielmehr handelt es sich dabei um eine der vielen Abwandlungen
von Amun-Ra, dem ägyptischen König der Götter. Und er stellt ja
bekanntlich eine Mumie dar, von daher ist es schon nahe liegend. Um das zu
unterstreichen, verabschiedet er sich des Öfteren in Emails oder im Forum
auch mal spaßeshalber mit „Your God of Gods“. Und Kalma ist der Name der
finnischen Göttin der Verwesung, allerdings wird dieses Wort in der
finnischen Sprache auch als Begleitwort beziehungsweise Wortzusatz den Tod
betreffend verwendet. Und die weiteren Namen… Naja, Lordi ist einfach ein
Spitzname, und hat eigentlich keine tiefere Bedeutung, genau wie Awa. Ox
heißt ja übersetzt nichts anderes als „Rind“, was angesichts des Kostüms
auch nicht so schwierig zu verstehen sein dürfte.
Markus:
Ich habe gehört das Lordi einen Film drehen wollen, kannst du mir dazu
vielleicht schon Näheres sagen?
Anthalerero:
Eigentlich nicht. Aber genau genommen haben Lordi bereits einen Film
gedreht, was aber nur sehr wenige Leute wissen. Es handelt sich dabei um
einen 30-minütigen surrealistischen Horror-Streifen, in dem die
Bandmitglieder mitspielen, und der auf einer Special Edition des zweiten
Albums beigelegt war. Wahrscheinlich war dieser Film damit gemeint, weil
er auch auf der Special Edition von „The Arockalypse“ und einer
wahrscheinlich im November erscheinenden DVD mit drauf sein wird. Ein
größeres Filmprojekt gibt es aber auch, und das eigentlich schon ziemlich
lange. Das Problem war eben immer, und ist es glaube ich auch jetzt noch,
die Finanzierung. Ein abendfüllender Kinofilm ist doch eine ziemlich teure
Sache, da muss man erst einmal Geldgeber dafür finden. Ich würde es Lordi
jedenfalls von Herzen wünschen, das er es schafft dieses Projekt endlich
zu realisieren. Schließlich ist es von jeher sein Traum gewesen so etwas
zu machen!
Markus:
Lordi haben es auch zu einem Eintrag im Guinnes Buch der Rekorde gebracht,
für den Rekord im Massenkaraokesingen. Warst du mit dabei?
Anthalerero:
Nein, leider nicht. Aber ich habe die Video-Aufzeichnung vom Kauppatori,
die übrigens im finnischen Fernsehen live übertragen wurde, und auch das
Kernstück der neuen DVD darstellen wird, kurz danach gesehen. Das war der
Wahnsinn schlechthin! Über 80.000 Leute! Das Areal rund um den Platz
musste sogar großräumig abgesperrt werden, weil einfach alles verstopft
war. Das muss man sich einmal vorstellen, und Finnland hat aber weniger
Einwohner als Österreich! Und dann kommen mal eben 80.000 Leute auf den
Marktplatz, und gröhlen gemeinsam „Hard Rock Hallelujah“. Das ist
unglaublich. Ich kenne allerdings einige Leute, die dort waren, und die
sagen einstimmig dass es einfach der Hammer war. Ach ja, und Kauppatori
heißt übrigens einfach nur Marktplatz, bevor du fragst. Das ist auch
gleichzeitig der Hauptplatz von
Helsinki.
Markus:
Das wollte ich tatsächlich fragen. Kannst du eigentlich finnisch?
Anthalerero:
Nein, bis auf ein paar Wörter und Höflichkeitsfloskeln, und das was man
zum Navigieren auf finnischen Webseiten braucht. Wenn gar nichts mehr geht
kämpfe ich mich mit einem Wörterbuch weiter, oder ich gehe einem meiner
finnischen Bekannten damit auf die Nerven. Ich bin ein Rohrkrepierer was
Sprachen betrifft, darum versuche ich auch erst gar nicht es zu lernen.
Ich versuche lieber mein grottenschlechtes Englisch zu verbessern (lacht)
Markus:
Gibt es schon Pläne für ein viertes Album?
Anthalerero:
Das darfst du mich jetzt nicht fragen, da habe ich absolut keine Ahnung.
Aber ich würde rein von der Logik her sagen, dass die Arbeiten an einem
neuen Album wahrscheinlich erst Mitte nächsten Jahres beginnen würden. „The
Arockalypse“ ist ja erst seit einem halben Jahr auf dem Markt, und bei dem
Erfolg den das Album rein schon von den Verkaufszahlen hatte, und noch
immer hat, werden sie das erst einmal ausführlich betouren. Über ein neues
Album wird man sich also wahrscheinlich erst 2008 freuen können. Aber das
ist reine Spekulation. Lassen wir uns einfach überraschen.
Markus:
Wie ist die Idee einer Monster-Hardrockband eigentlich genau entstanden?
Darüber gibt es sehr viele verschiedene Geschichten.
Anthalerero:
Naja, das ist gar nicht so spektakulär denn Lordi hat einfach nur alle
seine Interessen gebündelt. Man nehme ein bisschen Hardrock im Stile der
80er und ein paar Horrorfilme, bevorzugt mit vielen hässlichen Monstern
drin, werfe das ganze in einen Topf voll Idealismus, rühre kräftig um, und
lasse es dann ein dutzend Jahre ziehen. Genau genommen hat sich Lordi
damit eine Aussage von Gene Simmons (Sänger und Bassist der Kultband KISS,
anm. d. Red.) zu Herzen genommen, die da lautete: „Gründe die Band, die du
selbst gerne auf der Bühne sehen willst!“. Und genau das hat er gemacht. Das er mit dieser
verrückten Idee dann irgendwann einmal den Song Contest gewinnen würde,
hat er sich wohl doch nie träumen lassen.
Markus:
Nochmal zum Thema Song Contest - da gibt es doch so eine schöne Anekdote,
das Lordi in Athen aus einem Supermarkt rausgeschmissen wurden – weißt du
zufällig etwas darüber?
Anthalerero:
Genau genommen sind sie sogar zweimal rausgeflogen.
Markus:
Zweimal? Wie denn das?
Anthalerero:
Beim ersten Mal, das war soweit ich weiß am ersten Tag als sie gerade in
Athen angekommen waren, wollten sie sich einfach nur was zum Essen kaufen,
nur hat in dem Laden niemand englisch verstanden. Und als sie versucht
haben den Mitarbeitern mehr oder minder mit Händen und Füßen klarzumachen
das sie nur was zu Futtern suchten, haben die sie kurzerhand vor die Tür
gesetzt. Ein paar Tage darauf sind sie, weil es aus Zeitgründen keine
andere Möglichkeit gegeben hat, in voller Kostümierung wieder in denselben
Laden gegangen. Dort haben sie natürlich durch die ganzen Fotografen die
ihnen quasi auf Schritt und Tritt gefolgt sind dermaßen viel
Aufmerksamkeit verursacht, das der Leiter des Marktes darum gefürchtet hat
das etwas zu Bruch gehen könnte. Also sind sie wieder rausgeflogen. Sie
haben es aber mit Humor genommen.
Markus:
Sachen gibt es. Und wie sieht es mit der Tour im Herbst aus? Wird es noch
weitere Termine geben, oder eine zweite Tour im Frühjahr in der Lordi noch
einmal nach Österreich kommen werden?
Anthalerero:
Dazu kann ich auch nicht viel sagen. Ich muss mich da auf die Termine
verlassen die ich aus Finnland mitgeteilt bekomme. Über eine zweite Tour
im Frühjahr weiß ich jedenfalls nichts. Aber ich denke mehr als die zwei
Auftritte wird es bei uns wohl nicht geben, dazu ist Österreich einfach zu
klein. Die meisten Gigs wird es in Deutschland geben – das ist ja neben
Finnland der größte Absatzmarkt für Lordi. Auch in Großbritannien,
Schweden und Spanien gibt es mehrere Auftritte – die restlichen Länder,
unter anderem Frankreich, Italien, Belgien, Dänemark, Schweiz und so
weiter müssen alle mit nur einem Auftritt ihr Auslangen finden. So gesehen
sind wir vom Größenverhältnis her ja gar nicht so schlecht dran.
Markus:
Das stimmt auch wieder.
Anthalerero:
Aber wenn ich das noch kurz bringen darf, zum Thema Lordi und Österreich
gibt es auch eine sehr lustige Anekdote. Und zwar aus 2003, von den
damaligen Wacken Roadshows. Da traten Lordi in Innsbruck, Salzburg und
Wien auf – und hatten ein echtes Horrorerlebnis. Denn was wünscht sich
jemand, der während dem Bühnenauftritt im wahrsten Sinne des Worts
schwitzt wie ein Schwein? Eine schöne, heiße Dusche zur Entspannung! Da
gab es nur einen Haken – die Jungs haben in den Duschen nämlich nur
eiskaltes Wasser abbekommen. Und du weißt ja wie hübsch frostig das im
Winter bei uns runterkommen kann…
Markus:
Autsch.
Anthalerero:
Just das.
Markus:
Um jetzt zum Abschluss zu kommen, noch drei persönliche Fragen: Dein
Lieblingssong, dein Lieblingsmitglied, und was glaubst du wird mit der
Band jetzt weiter passieren?
Anthalerero:
Eigentlich sollte ich ja schon ein Bisschen unparteiisch sein… Aber ich
stehe zu meinen Vorlieben.
Zum ersten:
Definitiv der Opener von „The Arockalypse“: „Bringing back the balls to
rock“! Das ist zwar für Lordi Verhältnisse schon ein ziemlicher
Nackenbrecher, aber ich mag generell die etwas härtere Gangart vor allem
von Drums und Bass, und dann diesen obersimplen, aber gewaltig eingängigen
Refrain.
Zu Zweitens:
Auf die Frage kann ich nur mit Kalma antworten. Das hat auch persönliche
Gründe, aber die musikalischen überwiegen eigentlich. Denn wenn jemand ein
Publikum absolut in seinen Bann ziehen konnte, dann war er das. Man fragte
sich teilweise doch wer da eigentlich der Frontman war. Von daher ist es
natürlich doppelt schade dass er ausgestiegen ist, aber that’s life.
Und wie es
mit der Band jetzt weitergehen wird, das wird sich wohl zeigen. Ich gönne
ihnen den Erfolg von Herzen, aber ich hoffe auch das es nicht in einem
totalen Ausverkauf, und einem daraus resultierenden geistigen und oder
kreativen Burnout endet. Irgendwann wird dieser momentane Hype bestimmt
wieder zurückgehen hoffe ich.
Markus:
Dann sage ich herzlichen Dank für dieses ausführliche Gespräch! Das hat
mir jetzt sehr viele Eindrücke gegeben, die so vielleicht nicht bekommen
hätte.
Anthalerero:
Keine Ursache – war sehr interessant mal selber ein Interview zu geben!
Aber eines möchte ich kurz noch klarstellen, obwohl ich glaube du weißt es
ohnehin: Ich spreche jetzt nur als Fan - also als Privatperson - in keiner
offiziellen Funktion, schon gar nicht für die Band selbst. Das heißt alles
was ich gesagt habe basiert rein auf meinen Ansichten und Meinungen.
Markus:
Das ist mir schon klar, keine Sorge. Dieses Interview wird auch von meiner
Seite aus nirgendwo veröffentlicht, es ist nur als Grundlage für die
Reportage gedacht.
Anthalerero:
Ok, in Ordnung. Ich will ja keine Scherereien mit dem Management oder den
Plattenfirmen bekommen.
Markus:
Schon klar! Wenn du es allerdings selbst irgendwo publizieren willst, habe
ich nichts dagegen.
Anthalerero:
Mal sehen…
Markus:
Also dann noch einmal vielen Dank für das Gespräch, und noch viel Spaß mit
Lordi!
Anthalerero:
Danke! |
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