Unter einem Dach mit Monstern - Teil 2
Ox
knallte die Haustür zu und rannte nach oben.
„Ich würde sagen, er hat’s versaut“, meinte Amen und flickte weiter.
„Armer Ox“, sagte Greta und ging ihm nach.
Es klopfte an der Haustür.
Ben öffnete. „Hallo, Lena. Kann ich Ihnen helfen?“
„Ja, …ich suche Ox. Ist er da?“ fragte sie. „Ich hab hier seine Sachen.“
„Klar, kommen sie rein. Er ist oben. Greta zeigt es Ihnen“, sagte Ben und zeigte
auf Greta, die auf der Treppe stehen geblieben war, um zu sehen, wer an der Tür
war.
Lena folgte ihr in den ersten Stock. Dort blieb Greta vor einer verkratzten Tür
stehen und klopf-te. „Ox, kann ich mal mit dir reden?“ fragte sie.
„Will keinen sehen!“ heulte er.
„Lena ist hier mit deinen Sachen“, antwortete Greta.
Die Tür ging auf. Ox war immer noch nackt, hatte aber zumindest ein Handtuch
umgebunden. „Lena, es tut mir leid. War ne blöde Idee, zu denken, eine Frau wie
du könnte was von nem Kerl wie mir wollen. Danke, dass du mir meine Sachen
gebracht hast.“
„OX, ich liebe dich wirklich. Aber sag mir doch, was es mit dieser Maske auf
sich hat“, bat sie.
„Das glaubst du mir eh nicht“, winkte Ox ab.
„Was soll denn das? Warum sagst du ihr nicht, dass das keine Maske ist? Ist es
denn eine Schan-de, ein Monster zu sein?“ fragte Greta.
„Wenn man eine Frau wie Lena liebt, dann schon“, sagte Ox, packte seine Sachen
und machte die Tür wieder zu.
Kalma hängte seinen zukünftigen Zombie im Keller auf und ging dann ins
Wohnzimmer, wo er die Sachen des Exorzisten aufbewahrte. Er nahm die Bibel in
die Hand und blätterte darin. „Die Apokalypse! – Pah! Die bekämpfen uns Zombies
als unnatürlich, dabei kommen wir sogar in der Heiligen Schrift vor!“ Er
schüttelte den Kopf.
„Du meinst, Ox sieht echt so aus?“ fragte Lena Greta und setzte sich auf die
Treppe.
„Genau“, sagte Greta und setzte sich neben sie. „Und er ist voll lieb. Und man
kann prima mit ihm spielen und kuscheln. Und er hat eine seiner Rosen nach mir
benannt.“
„Dann sind die schönen Rosen, die ich immer kriege, von ihm?“
„Ja, sind sie, Lena“, antwortete Greta.
Lena stand auf und ging zur Tür. Sie klopfte.
Von innen kam ein Grollen, das beängstigend klang.
„Ich bin’s, Ox, ich will nur mit dir reden“, sagte Lena.
„Du brauchst nicht aus Mitleid hier zu bleiben!“ sagte er.
„Mach ich auch nicht“, antwortete sie.“ Ich bleibe, weil ich dich liebe.“
Die Tür ging auf. „Lena, kannst du dir echt vorstellen, mich zu lieben? Sieh
mich an!“ Er war immer noch nicht angezogener als vorhin.
„Ja, kann ich“, antwortete sie.
„Nein, das kannst du nicht. Ich bin untot, falls du weißt was das ist. Ich bin
eine Leiche, ein Kada-ver!“ Er knallte die Tür wieder zu.
„Ich warte“, sagte Lena und setzte sich vor die Tür.
Nach kurzer Zeit war sie eingeschlafen.
Als Ox mitten in der Nacht die Tür öffnete, um sich was zu essen zu holen, fiel
sie ihm entgegen. Aber sie wachte nicht auf. Er hob sie auf und legte sie in
sein Bett. Dann ging er in die Küche.
Als Lena aufwachte, lag sie in einem riesengroßen Bett. Sie stand auf und zog
ihre Hose aus, weil sie ihr zu unbequem wurde. Da entdeckte sie zwei gelb
glühende Augen, die sie beobachteten.
ena
erschrak. Sie sah die Augen an und begriff, dass es die von Ox waren. „Komm doch
her“, sagte sie. „Sonst verirre ich mich noch in dem riesen Bett.“
Ox löste sich gemächlich aus den Schatten und legte sich wohlig brummend auf die
andere Seite des Bettes. Er hielt bewusst Abstand, um sie nicht zu bedrängen.
Lena kroch ins Bett und schmiegte sich an ihn.
Er legte behutsam den Arm um sie.
„Ox, kannst du mir mal den Rücken kraulen? So wie vorhin?“ bat sie.
„Klar, meine Süße“, antwortete er.
Drei Tage später nahm Kalma seinen Zombie „in Betrieb“. Er ließ ihn den Boden
der großen Halle wischen, die Treppe fegen, die Küche scheuern und die
Leichentücher waschen, mit denen er seinen Sarg auszulegen pflegte. Kalma war
sehr zufrieden mit dem Ergebnis und wickelte den Zombie in Seidenpapier und
legte ihn in einen Sarg aus Karton und machte eine moder-grüne Schleife drum.
Gleich morgen würde er sich noch einen machen. Aber der hier war das
Weihnachtsgeschenk für jemand ganz besonderen.
Greta und Isis saßen an einem Tisch und machten Weihnachtskarten.
„Noch 2 Wochen, dann kommt der Weihnachtsmann“, meinte Isis.
„Nein, bei uns kommt das Christkind“, meinte Greta.
„Ist doch wurscht. Hauptsache Geschenke“, antwortete Isis.
„Was schenkt man eigentlich Monstern zu Weihnachten?“ fragte Greta.
„Was ganz normales“, meinte Isis.
„Muss ich mal mit Papa reden.“
Awa dekorierte inzwischen ein bisschen. Sie hatte sich gegen die Jungs, die sich
jegliche Engel-chen, Sternchen und Schleifchen verbeten hatten mit Gretas und
Lenas Hilfe durchgesetzt.
Sie verteilte moosgrüne und weinrote Decken mit silbern glänzenden
Skelett-Engelchen und Monster-Weihnachtsmännern, Gestecke aus Tannenzweigen mit
Kerzen und Kugeln und glit-zernden Spinnennetzen und hängte einen Stern ins
Fenster, der aus kleinen Mumien bestand.
Als sie grad so schön dabei war, kam Ben mit einem großen Karton an. „Das ist
unsere Deko. Vielleicht brauchst du ja noch was…“
„Oh, danke…“ Awa wühlte in dem Karton rum und zog einen großen Rauschgoldengel
raus. „Der ist aber schön.“
„Meine Großmutter hat ihn gemacht“, erzählte Ben.
„Der kommt auf den Kamin“, beschloss Awa.
Da kam Amen mit einem Karton hereingetaumelt. „Ich will auch dekorieren.“
„Was bringst du denn da?“ wunderte sich Ben.
Amen stellte den Karton ab und holte gestrickte große Socken heraus, die mit
Namen versehen waren. „Für jeden von uns einen.“
„Fragt sich nur, ob jeder was kriegt“, meinte Lordi, der plötzlich in der Tür
stand. “Vielleicht warst du ja nicht brav?“
Ox betrat tief vermummt einen Juwelierladen.
„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte der Juwelier.
„Ja, ich brauch was schönes für eine nette junge Dame“, sagte Ox.
„Nehmen Sie doch erst mal dieses Ding auf Ihrem Kopf ab. Sie sehen ja gar nicht,
was ich Ihnen zeige“, meinte der alte Mann.
Ox nahm das Ding ab……
Noch
während das schwarze Tuch von Ox’ Gesicht glitt, stieß der Juwelier einen Schrei
aus.
„Oh mein Gott!“
„Nein, ich bin ein Dämon“, meinte Ox gelangweilt. „Krieg ich jetzt mein
Weihnachtsgeschenk für meine Süße, oder schreist du noch ein bisschen rum?“
„Nein. Sie kriegen was sie wollen“, antwortete der Juwelier.
„Das freut mich. Ich hätte wie gesagt gerne ein hübsches Geschenk für eine junge
Dame.“
„A-an was hätten Sie da so gedacht? Einen Ring oder einen Anhänger?“ fragte der
alte Mann.
„Ein Anhänger wäre nicht übel“, meinte Ox.
„Und welches Material würden Sie bevorzugen? Gold, Silber, Platin?“ fragte der
Händler.
„Aus was ist denn der da in der Vitrine?“ fragte Ox und zeigte auf einen
glitzernden ovalen An-hänger.
„Das ist Weißgold mit Brillianten“, erklärte der Juwelier und holte den Anhänger
heraus.
„Wie niedlich. Der ist so klein. Genau richtig für mein Lenalein“, meinte Ox
zufrieden.
„So, jetzt brauchen Sie noch eine passende Kette, damit Sie es der Dame gleich
unter dem Christbaum umlegen können“, meinte der Alte und öffnete eine weitere
Schublade.
Endlich war es so weit. Es war Weihnachten. Die Monster und Ben und Greta waren
mit Lena im Wohnzimmer bei Kaffee und Kuchen versammelt. Auch Kalma war da.
Awa verteilte die Kuchenstücke und Lena schenkte Kaffee ein.
Isis und Greta mampften Plätzchen und tranken Kaba.
Der Christbaum strahlte in seiner ganzen Pracht mit seinen Nikoläusen, den
Engelchen, den Skeletten, Zombies, Monstern und Mumien an den Zweigen und im
Kamin brannte ein Feuer. Es war echt gemütlich.
Als es dunkel wurde, verließ Ben das Zimmer. Wenig später war ein Glöckchen zu
hören.
„Das Christkind“, rief Greta und sprang auf.
„Jetzt kommt der Höhepunkt“, meinte Lena feierlich.
„Doch nicht vor den Kindern“, antwortete
Lordi grinsend.
„Dann geh doch raus“, meinte Awa. „So, Greta und Isis gehen bitte rauf, damit
das Christkind in Ruhe die Geschenke bringen kann.“
Die Mädels gingen brav nach oben.
Als
das Glöckchen zur Bescherung rief, rannten Greta und Isis ins Wohnzimmer.
Die Christbaumbeleuchtung strahlte, die Dekorationen glänzten und glitzerten und
das Kamin-feuer knisterte.
Unter dem Christbaum lag ein wahrer Mount Everest an Geschenken, auf den die
beiden Mäd-chen auch noch ihre Geschenke legten.
Ben überreichte seiner Tochter ein großes Geschenk mit kleinen Schneemännern
drauf, während Amen Isis einen neuen Sarkophag mit einer riesengroßen goldenen
Schleife hinschob.
Greta packte ein Puppenbett für Marie aus. „Danke, Papa“, sagte sie.
Ox überreichte sein Präsent an Lena.
„Aber Ox, das wäre doch nicht nötig gewesen…“ Sie errötete. „Ist das schön! Da
kann mein Ge-schenk nicht mithalten.“
Ox öffnete das Päckchen. „Unterhosen?“
„Diese Felldinger, die du dir immer um den Popo wickelst, sind doch keine
Unterwäsche“, meinte Lena.
„Dachte ich bisher schon“, meinte Ox und kratzte sich am Kopf.
Lordi wickelte unterdessen sein Geschenk von Greta aus. „Oh, eine Spezialpolitur
für meine Axt!“
„Ja, damit sie schön glänzt und scharf bleibt“, meinte Ben. „Sie wollte dir was
Nützliches schen-ken.“
„Danke, Greta“, sagte
Lordi und drückte Greta.
„Ich will mich auch bedanken“, sagte Awa und hielt einen Umschlag hoch. „Sie hat
mich ins Kino eingeladen. Danke. Ich geh doch so gerne ins Kino.“
„Bitte, Awa“, antwortete Greta.
Kalma ergriff den Karton-Sarg und ging zu Awa hin. „Awa, du bist immer unsere
gute Seele ge-wesen und hast unermüdlich den Haushalt für uns geführt. Ich wohn
leider nicht mehr hier, aber ich vermisse deine ordnende Hand manchmal ganz
schön. Und deshalb hab ich hier eine kleine Aner-kennung deiner Dienste und eine
Hilfe im Haushalt“, sagte er.
Die anderen Monster und Ben und Greta klatschten. Ja, Awa hatte eine
Erleichterung ihrer Arbeit verdient.
Awa machte das Geschenk auf. „Ein Putz-Zombie! Danke, Kalma!“ Sie gab ihm einen
dicken Schmatz.
„Wenn ich nur wüsste, wie er es schafft, immer alle Mädels auf seiner Seite zu
haben“, meinte A-men.
„Das ist sein unverwüstlicher Charme, gepaart mit kleinen Aufmerksamkeiten“,
meinte Lordi.
„Und sein Aussehen“, meinte KITA. „Er sieht laut Enary um Längen besser aus als
Johnny Depp.“
„Wer ist Enary?“ fragte Greta.
„Unsere ehemalige Mitbewohnerin vor Awa. Du wirst sie nächste Woche
kennenenlernen, Greta, sie kommt zu Silvester“, erzählte Amen.
KITA
und Ox holten Enary vom Flughafen ab. Natürlich hatte der Flieger wieder mal
Verspä-tung. Dementsprechend war auch Enarys Laune.
„So was kann doch nicht sein. Erst krieg er den Hintern nicht hoch und dann
bequemt er sich nicht zu landen“, motzte sie, während KITA ihre 5 Koffer im Auto
verstaute.
Zu Hause bereitete
Lordi zusammen mit Amen und
Isis das Feuerwerk vor.
„Das sind die besten Raketen, die aufzutreiben waren“, meinte Lordi.
„Bist du sicher, dass sie funktionieren? Nicht das sie wie letztes Jahr nicht
hochgehen und dann brennt das halbe Haus“, wandte Amen ein.
„Das wird nicht passieren“, meinte
Lordi und sah Isis scharf
an.
„Was hast du? Ich mach doch nix.“ Isis guckte ihn ganz lieb an.
„Das will ich dir auch geraten haben“, sagte Lordi.
Greta telefonierte mit ihrer Mutter. „Ja, Mami, mir geht es gut. Papi geht es
auch gut und Amen, KITA, Awa,
Lordi und Ox geht es auch
gut. Das sind unsere Mitbewohner. – Ja, das ist so ne Art WG hier. Nein, das
sind keine verkleideten Studenten. Das sind echte Monster. Die sind nicht
schlimm.“
Awa bereitete das Raclette für den Abend vor und deckte den Tisch.
Ben half ihr dabei. Alleine hätte sie es wohl kaum geschafft, den riesigen Grill
auf den Tisch zu wuchten. Lena putzte unterdessen das Gemüse und den Salat.
„Mann, ist das Ding schwer!“, meinte Ben.
„Das ist nur weil er so groß ist“, meinte Awa. „Aber auf einem kleineren wäre
für das Fleisch, das unsere Jungs essen, einfach kein Platz.“
Inzwischen waren KITA und Ox mit Enary eingetroffen.
Die füllige Walküre begrüßte
Lordi überschwänglich,
drückte Amen, dass diesem die Luft weg-blieb und ging dann in die Küche, um Awa
zu begrüßen.
„Hallo, Enary, schön dich mal wieder zu sehen. Ich hoffe, du hattest eine
angenehme Reise?“
„Achja, ging schon“, meinte Enary.
„Weißt du eigentlich, wo Magnum ist?“ fragte Awa.
„Nein, weiß Kalma denn nichts?“
„Nein, er meinte, das Magnum zuletzt mit dir zusammen war“, meinte Awa.
„Der wird schon wieder auftauchen“, meinte Enary gelassen.
Das Festessen war in vollem Gange als es an der Tür läutete.
„Ich mach auf“, sagte Greta und rannte zur Tür. „ Hallo, Mama, komm doch rein! –
Was ist denn los? Mama? Nein……..“
Ben sprang auf und raste zur Tür. Doch Greta war weg. Also raste er ins
Wohnzimmer und griff sich das Telefon und wählte wie von Sinnen die Handynummer
seiner Ex-Frau.
Als er auflegte war er am Boden zerstört.
„Was ist denn?“ fragte
Lordi besorgt.
„Gretas Mutter hat sie mitgenommen. Sie hat mich beschatten lassen. Sie wird mit
Greta weg-nehmen. Nächste Woche ist eine Verhandlung auf dem Familiengericht.
Sie hat in einem Eilan-trag das Sorgerecht beantragt.“
„Aber warum?“ fragte Amen.
„Weil ihr das Kindswohl gefährdet“, antwortete Ben.
„Na toll! Erst kümmert sie sich nicht um Greta und jetzt fällt es ihr ein“,
meinte Isis.
„Und dummerweise sitzt sie am längeren Hebel“, sagte Ben resigniert.
So wurde es ein recht trister Abend ohne Feuerwerk, denn darauf hatte keiner
mehr Lust.
Als Ben von der Verhandlung wiederkam, musste Amen, der ihn begleitet hatte, ihn
stützen.
„Oh, nein“, meinte
Lordi als er ihn sah.
„Lasst ihn in Ruhe“, sagte Amen. „Ich bring ihn in sein Zimmer, dann erzähl ich
euch alles.“
alma,
Awa, Enary, KITA, Ox, Lordi, und Isis warteten gespannt auf Amen.
Er setzte sich auf das Sofa und begann, zu erzählen:
„Also, Gretas Mutter hat nur rumgekeift. Dann hat ihr Anwalt den Antrag
gestellt, Ben das Sorgerecht zu entziehen, weil er damit, dass er in diesem Haus
mit uns Monstern lebt, das Kin-deswohl gefährdet.
Bens Anwalt hat gesagt, das stimmt nicht. Das Kind fühlt sich wohl hier.
Dann kam eine Beweisaufnahme, in der der Richter auch den Detektiv gehört hat,
der Ben aus-spioniert hat. Der hat alle möglichen Fotos von uns vorgelegt.
Lordi beim Axt-Polieren, Awa
mit ihrer Schlange, KITA wie er eine ganze Tüte Gummibärchen isst…
Der Richter hat dann Greta im Nebenzimmer angehört und sie hat ihm erzählt dass
ihre Mama gesagt hat, sie soll sagen, dass sie Angst vor uns hat. Da hat der
Richter die Mutter aber zusam-mengestaucht! Und er meinte, wenn Greta keine
Angst hat, ist es OK, dass sie hier bleibt.
Ihre Mutter hat sofort einen Schreikrampf bekommen, ist ausgetickt, hat sich
Greta geschnappt und ist mit ihr auf und davon. Anscheinend hat sie sich einen
Fluchtplan zurechtgelegt für den Fall, dass sie nicht Recht bekommt.“ Amen
wirkte sehr niedergeschlagen.
„Auf jeden Fall haben wir es gerade noch geschafft, Greta ihr Püppchen Marie zu
geben….“
Die Monster schwiegen traurig.
Plötzlich war von oben ein lauter Schrei zu hören.
Alle 8 stürmten nach oben.
Ben lag wie gelähmt auf dem Bett und hielt sein Handy hoch.
Lordi nahm es und las die SMS auf dem Display: „Du wirst sie nie mehr sehen. Ich
gehe mit ihr nach Chile. Schönes Leben noch.“
Die Monster stöhnten auf. Sie hatten Greta auch sehr lieb und die Aussicht, sie
nicht wieder zu sehen, machte sie fertig.
Die
Monster packten Ben ein und flogen nach Chile. Gemeinsam durchkämmten sie das
Land.
Sie schalteten die chilenischen Monster ein und fragten in jedem noch so
entlegenen Dorf.
Doch sie fanden ihre Kleine nicht.
Lordi kickte gegen einen Stein. „Verdammt, wo ist die Tussi hin?“
Plötzlich kam Amen angerannt. „Ich hatte grade ein interessantes Gespräch mit
einer chilenischen Mumie. Die sagt, sie bildet sich ein, sie hat Greta gesehen,
allerdings nicht in Chile, sondern in ihrem Urlaub vor zwei Wochen in Peru.“
„Ganz sicher?“ fragte Awa.
„Die Mumie hat gesagt, sie wurde von so ner aufgetakelten Alten rumgezogen“,
antwortete Amen.
„Dann war sie’s“, meinte Ben.
„Also auf nach Peru“, rief KITA.
In Peru begann das Spiel von vorne.
Doch auch hier war Greta nicht mehr. Im Laufe der Zeit hatten die Monster und
Ben ganz Süd-amerika durchkämmt und nicht die leiseste Spur des Mädchens
gefunden. Sie war wie vom Erd-boden verschluckt.
Resigniert kehrten sie nach Hause zurück. Inzwischen waren zwei Jahre vergangen.
Ben verfiel in tiefe Depressionen.
Und die Monster waren auch nicht glücklicher.
Es war ein untragbarer Zustand, bis eines Tages ein kleiner Brief ankam.
Er war in rundlicher Kinderschrift geschrieben und mit bunten Zeichnungen
verziert.
Ben zitterte am ganzen Körper als er den Brief auseinander faltete.
„Hallo, Papi, hallo, meine Monsterle,
Wie ihr unschwer erkennen könnt, bin ich jetzt schon so groß, dass ich in die
Schule gehe und le-sen und schreiben lerne. Ihr fehlt mir so. Ich denke immer an
euch.
Ich hoffe, der Brief kommt an.
Ich bin in einem Internat in der Schweiz. Das ist megafein. Mama hat ja keine
Zeit für mich. Hier habe ich sehr viele Freunde und ein eigenes Pony namens
Rainbow. Wie geht es Mümmel und Li-ly? Ich vermisse meine beiden *******rle.
Ich mach dann mal Schluss. Ich darf euch eigentlich gar net schreiben, aber ich
weiß ja, dass ihr euch Sorgen macht.
Bussi an alle.
Eure Greta.“
„Zumindest scheint es ihr gut zu gehen“, meinte Ben.
„Und jetzt suchen wir dieses Internat und nehmen es auseinander…“, sagte Lordi.
„Nein, das geht nicht. Da sind noch andere Kinder. Die können nichts dafür“,
antwortete Ben.
„Stimmt.“
Lordi versank in einer
Denkerpose, die ihn noch gefährlicher aussehen ließ. Seine Stirn hatte noch mehr
Furchen als sonst.
Ben
seufzte. Er wusste nicht, ob er seine Frau anzeigen sollte oder nicht. Sie hatte
immerhin sein Kind entführt. Auf der anderen Seite wollte er nicht, dass Greta
womöglich darunter litt, dass er ihre Mutter vor Gericht brachte.
„Was hast du jetzt vor?“ fragte Lordi.
„Ich weiß es nicht.“ Ben ließ den Kopf hängen.
Ox schlug vor: „ Geh doch zu deinem Anwalt und beantrage, dass du sie regelmäßig
sehen kannst.“
„Wer weiß, wo sie das Kind dann hinbringt“, antwortete Amen und rollte mit den
Augen.
„Ich geh vor Gericht“, sagte Ben plötzlich, „ sonst dreh ich noch durch.“ Er
ging zum Telefon und wählte die Nummer des Anwalts und machte einen Termin aus,
um die Sorgerechtsklage gegen seine Frau vorzubereiten.
Er hatte Glück und bekam einen Termin am nächsten Tag.
Ben saß wie auf glühenden Kohlen im Wartezimmer des Anwalts, der ein alter
Freund von ihm war und über die Entführung bescheid wusste und schon lange
versuchte, Ben dazu zu bringen, was zu unternehmen. Allerdings hatte der Anwalt
keine Ahnung von den Monstern.
Umso geschockter war er als er die Fotos sah, die Ben ihm vorlegte.
„Und deine Kleine hat echt keine Angst vor denen?“ fragte er.
„Wenn ich es dir doch sage, Michael, nein. Greta liebt sie“, antwortete Ben.
„Na gut. Ich hab als Kind ja auch Würmer aller Art geliebt…“ Michael verdrehte
die Augen. „Kinder haben eben manchmal einen seltsamen Geschmack.“
„Diese Monster sind echt nett und sie passen auf Greta auf. Was soll ihr da noch
passieren? Aber du kennst ja meine Ex. Die hat ja die Worte Gucci und Prada auf
die Stirn tätowiert“, meinte Ben seufzend.
„Hast Glück, dass die Kleine nicht nach ihr kommt.“
Ben lachte auf. „Zum Glück nicht. Aber ich hab ja keine Ahnung, was sie mit dem
Kind gemacht hat. Wie lange dauert es denn bis der Prozess frühestens
stattfinden kann?“
„Wenn ich es als dringend einreiche, ein bis zwei Wochen“, antwortete der
Anwalt.
„Dann mach das bitte.“
So saß Ben also zwei Wochen später mit seinem Anwalt Michael dem Anwalt seiner
Frau gegenüber. Seine Frau fand es nicht notwendig zu erscheinen, da Ben ihrer
Meinung nach sowieso verlieren würde.
Der Anwalt von Bens Frau legte lang und breit dar, warum das Kindeswohl bei Ben
so furchtbar gefährdet war, welch grausamen Dinge in diesem Haus geschahen, wie
schlimm die Monster waren und welche Gefahren Greta in diesem Haushalt drohten.
Ben war sehr blass, als er zu den Vorwürfen Stellung nahm.
„Ich schlage mein Kind nicht, Euer Ehren, das hab ich noch nie getan. Nichts
liegt mir ferner, als meiner Süßen was anzutun. Und diese so genannten „Monster“
sind Freunde von uns. Sie mögen vielleicht nicht dem gängigen Schönheitsideal
entsprechen, aber sie haben ein gutes Herz und Greta mag sie und sie mögen
Greta. Ich versteh nicht, was daran gefährlich ist. Und vor allem versteh ich
nicht, warum Katja sich auf einmal so bemüßigt fühlt, sich um Greta zu kümmern.
Das hat sie doch lange nicht getan. Vor zwei Jahren hat sie sie sogar entführt.
Ich habe mein Kind seitdem nicht mehr gesehen.“
Der Richter sagte dem Anwalt, er wolle mit seiner Mandantin reden und außerdem
brauchte er die Aussage des Kindes. Und die „Monster“ würde er auch gerne sehen.
Also wurde die Verhandlung unterbrochen und ein neuer Termin anberaumt, zu dem
Ben auch gefälligst seine „Monster“ mitzubringen habe.
Zwei Wochen später betrat Ben in Begleitung „seiner 5 Monster“ und seines
Anwalts das Gerichtsgebäude.
Sie warteten auf dem Flur vor dem Saal, wo schon Katja, Bens Noch-Ehefrau
gelangweilt wartete. Als sie Ben sah, tat sie so als wäre er eine Kakerlake oder
ähnliches.
Als erstes wollte der Richter einen Blick auf die Monster werfen.
Ein Wachmann eilte zur Tür, um sie zu rufen und stieß einen entsetzten Schrei
aus, als er die Fünf vor dem Saal sitzen sah.
„Wir sind dran“, meinte Awa.
„Hey, ihr habt aber ein cooles Signal, wenn ihr jemanden in den Saal ruft“,
meinte Amen anerkennend zu dem jungen Wachmann.
Die Monster gingen eines nach dem anderen in den Gerichtssaal und stellten sich
vor dem Richter auf.
Katja kippte fast aus den Latschen. „Die sind ja noch schlimmer als ich gedacht
habe!“ kreischte sie.
„Danke gleichfalls“, meinte KITA nachdem er sie gemustert hatte.
Der Richter ließ sich nichts anmerken und fragte der Reihe nach die Personalien
ab.
Dabei kam heraus, dass
Lordi Lordi hieß, 669 Jahre
alt war und ledig, Awa von Beruf Heilpraktikerin war und 456 Lenze zählte, Amen
verheiratet war und König als Beruf angab. Ox war arbeitslos, aber verlobt
(wenigstens etwas) und KITA hatte eine ausserirrdische Staatsbürgerschaft, die
der Protokollant nicht schreiben konnte.
Plötzlich flog die Tür auf und ein kleines Mädchen mit einer Puppe im Arm
stürmte herein.
Es war Greta, aber sie war ein ganzes Stück gewachsen und trug ein geblümtes
Kleidchen.
„Da seid ihr ja“, sagte sie und umarmte erst ihre Monster-Freunde und dann ihren
Papa.
„Greta, geh von diesen Dingern weg“, befahl Katja.
„Nö“, antwortete Greta und kuschelte sich an KITA.
„Geh da weg“, befahl die Mutter nochmals.
„Komm und hol mich“, sagte Greta und grinste.
Nun schaltete sich der Richter ein: „Für mich sieht es nicht so aus, als ob ihr
Kind Angst vor diesen Wesen da hat, Frau Miller. Und diese Wesen machen auf mich
auch nicht den Eindruck als ob sie die Kleine gleich zum Frühstück verspeisen
würden.“
„Aber sie essen Makler“, antwortete Katja und rang um Fassung.
„Das war nur, weil der Kerl uns zur Weißglut gereizt hat“, rechtfertigte sich
KITA.
„Genau, der hat andauernd unsere Bude verkauft“, setzte
Lordi hinzu.
„Du, Herr Richter, muss ich bei meiner Mama bleiben oder kann ich zu meinem
Papi?“ fragte Greta. „Mami kümmert sich doch gar nicht um mich. Sie schickt mich
nur ins Internat. Da ist es zwar nicht schlecht, aber ich vermisse meine
Kaninchen. Die sind bei Papi. Und den vermiss ich auch“, sagte Greta.
„Frau Miller, ich hoffe, Ihnen ist klar, dass ich Ihrem Mann den Umgang mit dem
Kind nicht verbieten werde. Die Kleine hat weder Angst, noch entdecke ich
irgendwelchen Anzeichen, dass Greta von ihrem Mann oder den Monstern schlecht
behandelt wird.“
„Aber, Euer Ehren, wie die schon aussehen…“, begann Kaja.
„Es ist wurst wie sie aussehen, Frau Miller. Wichtig ist nur, dass sie für Greta
wichtige Freunde sind“, sagte der Richter. „Und außerdem sollten Sie ganz kleine
Brötchen backen. Sie haben die Kleine vor zwei Jahren aus ihrer gewohnten
Umgebung gerissen und sie dann in ein Internat abgeschoben.“
„Aber…“
„Kein Aber. Die Akten wandern heute noch zum Staatsanwalt. Der wird Ihnen
bestimmt auch noch was zu sagen haben.“ Der Richter wurde laut. „Dann ergeht
folgendes Urteil: Der Antragsgegnerin wird aufgegeben, das Kind Greta Miller an
den Antragsteller herauszugeben. Er erhält außerdem das Sorgerecht. – Die
Sitzung ist geschlossen.“
Zu Hause wurde in Windeseile eine „Welcome back“-Party organisiert, zu der auch
der Anwalt eingeladen war.
KITA
trug wieder die stylische rosa-weiße Schürze und buk Muffins und Kuchen,
unterdessen wickelte Awa kleine Geschenke liebevoll in giftgrünes Geschenkpapier
mit Schlangen drauf, wäh-rend Lordi, Ox und Ben das Grillfeuer anschürten und
den großen Rost putzten, um darauf die über 150 Bratwürstchen und 120 Steaks zu
grillen. Amen rief unterdessen Isis, Enary und Kal-ma an, um sie einzuladen.
Lena und Michael, der Anwalt, und Greta putzten Gemüse und Salat.
„Sie machen das aber gut“, meinte Michael zu Lena.
„Ja, mein Verlobter meint das auch“, antwortete sie.
„Mist, schon wieder ne vergebene Frau“, motzte er scherzhaft.
Wenig später klingelte es an der Tür und Enary stand davor. Sie umarmte Amen
stürmisch.
Er fühlte sich als sei er in eine Dampfwalze geraten.
Zum Glück kam
Lordi vorbei und Enary
stürzte sich auf ihn und knuddelte ihn über den Haufen. Doch
Lordi war natürlich
wesentlich stabiler als die fragile Mumie.
Amen wollte die Tür gerade zumachen, als Kalma vor ihm stand.
„Hallo, Amen. Sieh mal, ich hab Wein mitgebracht!“ Kalma zeigte ihm eine Flasche
Messwein.
„Komm nur rein!“ rief Lordi, der gerade versuchte, sich aus Enarys Griff zu
befreien.
„Ich geh mal ins Esszimmer“, meinte Kalma.
Amen wollte sich gerade hinsetzen als es wieder klingelte. Er tapste zur Tür und
öffnete. Davor stand Isis mit einer anderen, wesentlich kleineren Kindermumie.
„Wen hast du denn da mitgebracht?“ fragte Amen.
„Das ist mein Freund Tut“, antwortete Isis. „Wo ist Greta?“
„In der Küche“, antwortete Amen.
Isis rannte in die Küche. Dabei zog sie ihren Freund Tut an einer einzelnen
Bandage hinter sich her. Die kleine Mumie flog hinter Isis her wie ein
Papierdrache im Herbstwind.
Als Greta Isis sah, sprang sie auf und umarmte ihre Freundin.
„Wer ist denn der Kleine?“ fragte Greta.
„Mein Freund Tut“, sagte Isis.
„Freut mich“, sagte Greta und schüttelte, der kleinen Mumie, die sie mit großen
blauen Augen ansah, die Hand.
Plötzlich rief Ben: „ Essen ist fertig!“
Alle stürmten ins Esszimmer.
Nach dem Essen waren alle voll bis oben hin.
„Mann, ich platz gleich!“ meinte Ox.
„Oh, nee! Das gibt doch immer so hässliche Flecken!“ meinte Enary. „Denk doch
mal an Awa. Die muss dann ja alles aufputzen.“
„Nein, ich hab ja einen Putzzombie“, antwortete Awa stolz.
„Oh“, machte Enary. „Vornehm geht die Welt zugrunde.“
„Ich find es schön, dass du wieder da bist“, meinte Isis zu Greta.
„Ich auch. Diese Schule in der Schweiz war doof. Man hat schon viel gelernt und
die Gebäude waren schön, aber die Kinder da waren so hochnäsig und voll dumm“,
erzählte Greta.
„Jetzt bist du ja wieder da.“ Isis legte den Arm um ihre Freundin. „ Weißt du
schon auf welche Schule du jetzt gehen willst?“
„Nein, da haben wir, also Papa und ich, noch nicht drüber geredet“, antwortete
Greta.
„Wie wäre es, wenn du zu uns auf die Schule kommst?“ meinte Isis. „Wir würden
uns echt freuen, oder Tut?“
„Wie? –Äh, ja…Klar, immer doch…“ stotterte Tut.
„Warum hörst du eigentlich nie zu?“ fragte Isis leicht angesäuert.
„Ich hab doch zugehört!“ antwortete er. „Du hast gesagt, wir würden die Schule
abfeuern, wenn Greta vorbeikommt.“
Greta kicherte und Isis gab Tut eine Ohrfeige.
„Das macht doch gar keinen Sinn, du Knalltüte!“ zischte sie.
„Aua“,
machte er und hielt sich den Kopf.
„Isis, musst du ihn hauen?“ fragte Greta.
„Nein, sie macht das vollkommen freiwillig“, antwortete Tut für Isis.
„Lass das, Isis. Vielleicht kriegt er davon nen ernsthaften Schaden“, meinte
Greta.
„Was meinst du mit „kriegt“? Der hat doch schon einen gewaltigen Schaden“, gab
Isis zurück.
„Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen“, entgegnete Tut.
Awa führte Enary unterdessen den Putzzombie vor. In den vergangenen zwei Jahren
war er um einiges weiterverwest und hatte kaum noch Fleisch auf den Knochen. Er
war also ganz nach dem Geschmack der beiden Damen.
„Das ist aber ein schönes Stück“, meinte Enary fachmännisch (oder fachfrauisch).
„Nicht wahr?“ sagte Awa stolz. „Und er putzt hervorragend.
„Wo hast du den denn her?“ wollte Enary wissen.
„Hat Kalma mir geschenkt, weil die Jungs immer soviel Dreck machen“, antwortete
Awa.
„So was schönes hast du mir nie geschenkt, als wir beide noch hier gewohnt
haben“, meinte Enary schnippisch zu Kalma.
Kalma verdrehte die Augen und hatte mit einem Mal das unheimliche Bedürfnis, die
Flucht zu ergreifen, doch er blieb sitzen und kippte noch einen.
Als die Gäste gegangen waren, kletterte Greta zu
Lordi aufs Sofa und umarmte
ihn.
„Ich bin so froh, dass ich wieder da bin“, sagte sie.
„Ich bin auch froh, dass wir dich wieder haben. Ohne dich hat hier echt was
gefehlt“, meinte er und knuddelte sie.
„Du Lordi, meinst du, ich kann auf die gleiche Schule gehen wie Isis?“ fragte
sie.
„Aber sicher. Das ist ne gemischte Schule“, antwortete er.
„Wie gemischt? Jungs und Mädchen? Das ist doch nichts besonderes mehr“, meinte
sie.
„Nein, gemischt in dem Sinne, dass es da Monster und Menschen gibt“, erklärte
er. „Eine integrative Schule, die das Verständnis füreinander fördern soll.“
„Das ist schön. Da will ich hin“, rief Greta.
„Soll ich mit deinem Papa reden? Ich war selber auf dieser Schule und kann ihm
alle eventuellen Fragen beantworten.“
„Das wäre so lieb von dir.“ Sie küsste ihn.
„Ich bin doch ein ganz liebes Monster“, sagte er grinsend.
„Behauptet wer?“ fragte KITA, der das zufällig gehört hatte.
„Er ist ganz lieb“, meinte Greta. „Er sagt Papa, dass ich auf dieselbe Schule
will wie Isis.“
„Hol deinen Papa mal“, bat Lordi.
„Mach ich!“ Sie flitzte in die Küche, wo Ben Awa beim Aufräumen half. „Lordi
will mal mit dir reden, Papi.“
„Worüber denn?“ wunderte sich Ben.
„Na, über die Schule, wo Isis hingeht. Da will ich auch hin. Und jetzt komm!“
Greta schob Ben ins Wohnzimmer. „Hier ist er Lordi. Erzähl mal.“ Greta ging
wieder in die Küche, um Awa zu helfen.
Ben saß
Lordi gegenüber und sah ihn
ziemlich ratlos an.
Lordi knabberte eine Salzstange, ehe er anfing. „Also, die „Dracula-VanHelsing“-Schule
ist eine integrative Schule für Monster und Menschen. Da sollen beide Arten von
Kindheit an lernen, miteinander auszukommen.“
„Funktioniert das denn?“ fragte Ben.
„Aber sicher“, meinte Lordi. „Ich war auch dort. Wie du siehst, hab ich keine
Probleme mit Menschen.“
„Ja, seh ich. Und was machen die Lehrer, wenn einer versucht, einen Mitschüler
zu verspeisen?“
„Das ist absolut verboten“, antwortete Lordi.
„Sehr beruhigend“, meinte Ben. „Und was ist wenn ein Schüler dabei erwischt
wird, wie er einen anderen isst?“
„Dann fliegt er“, sagte Lordi.
„OK, ich werde mir die Schule mal ansehen.“ Ben schnaufte tief durch.
Zwei
Tage später betrat Ben das riesige Schulgebäude. Es war ein ehemaliges
Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert mit verspielten Rokoko-Dekors an allen Ecken
und Enden, die jedoch et-was „modifiziert“ worden waren, so hatten zum Beispiel
die kleinen pausbäckigen Putten alle kleine Teufelshörnchen. Im Inneren sah es
ähnlich aus.
Für ein von Monstern benutztes Gebäude war es ganz manierlich und gepflegt.
Ben durchquerte die Eingangshalle und sah sich etwas ratlos um.
„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte eine melodische Frauenstimme hinter ihm
plötzlich.
Er fuhr herum und sah eine wunderschöne junge Frau mit langen feuerroten Haaren.
Sie hatte smaragdgrüne Augen und dunkelrote Lippen. Ihr Kleid war aus
silbergrauer Seide.
„Ja, ich suche das Direktorat. Ich habe einen Termin bei Frau Direktorin Van
Helsing“, antwor-tete Ben.
„Ach, dann sind Sie Herr Miller. Wir haben gestern telefoniert.“ Sie reichte ihm
die Hand.
„Sie sind Frau Van Helsing?“ fragte Ben erstaunt und schüttelte ihre Hand.
„Ja, warum auch nicht?“ fragte sie amüsiert.
„Sie sind so jung…“, antwortete er.
„Darf ich das nicht?“ Sie lachte.
„Doch. Aber Abraham Van Helsing hat vor über 100 Jahren gelebt“, meinte Ben.
„Ich weiß. Er war mein Ur-Ur-Großvater“, erzählte sie. „Die Familie Van Helsing
gibt es immer noch. Nur jagen wir keine Vampire mehr.“
„Wieso nicht?“ fragte Ben.
„Weil sie eine aussterbende Art sind.“
„Aber ich dachte, sie beißen hunderte von Menschen jede Nacht?“ stotterte Ben.
„Das schon. Aber nicht jeder davon wird ein Vampir“, erklärte sie. „Die Vampire
denken sehr eli-tär, wenn es darum geht, neue Mitglieder in ihre erlauchten
Kreise aufzunehmen.“
„Achso. Sie wissen aber gut bescheid“, meinte Ben.
„Kunststück. Ich weiß das von meinem Freund“, antwortete sie.
„Der ist wohl Experte auf dem Gebiet?“ fragte er.
„Muss er wohl. Er ist ein Vampir.“ Sie schloss die Tür zu einem Büro auf.
„Kommen Sie doch rein.“
Ben blieb wie angewurzelt stehen.
„Was ist los?“ fragte Frau Van Helsing. Wollen Sie jetzt mit mir über die
Anmeldung sprechen, oder bleiben Sie noch ein bißchen vor der Tür stehen?“
Ben folgte ihr in ihr Büro.
Es war ein großer heller Raum, mit einer Stuck-Decke, die die 12 Aufgaben des
Herakles dar-stellte. Ben gefiel sie. Er hatte Latein und Altgriechisch immer
geliebt und deswegen waren ihm die Szenen nicht unbekannt.
„Gefällt Ihnen die Decke?“ fragte Frau Van Helsing. Sie saß hinter einem großen
Schreibtisch aus dunklem Holz mit Perlmutteinlagen.
„Oh ja, sehr“, antwortete Ben und nahm auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz.
Der Raum war sehr kostbar eingerichtet, mit antiken Möbeln und einem großen
weinroten Perser-teppich. Irgendwie schien er nicht in eine Monsterschule zu
passen, wie das ganze Gebäude, wenn man es recht bedachte.
„Ich habe eine Frage…“, begann Ben.
„Immer raus mit der Sprache“, meinte sie. „Deswegen sind Sie ja hier.“
„Also, das ist ja eine Schule für Monster und Menschen…Wie gewährleisten Sie,
dass keines der kleinen Monster einen Mitschüler zum Frühstück verspeist?“
fragte Ben.
„Durch die Schulregeln, die das verbieten, durch Lehrkräfte, die aufpassen, und
dadurch, dass die Schüler selbst aufeinander aufpassen. Das oberste Ziel dieser
Schule ist es, dass Monster und Menschen friedlich zusammenleben. Und wir warten
nicht bis ein Monster einen anderen Schüler gefressen hat, bevor er fliegt, das
kann ich Ihnen versichern, auch wenn es in letzter Zeit anders lautende Gerüchte
gab.“ Sie schob ihm eine Schale mit Pralinen hin. „Möchten Sie...“
„Nein, vielen Dank“, sagte Ben. „Wie läuft denn der Unterricht hier an der
Schule so ab?“
„Wie an jeder anderen Schule auch. Möchten Sie sich mal eine Stunde ansehen?“
bot sie an.
„Gerne“, antwortete Ben.
Wenig später saß er hinten in einer Klasse, die halb aus kleinen Monstern und
kleinen Menschen bestand. Alle schienen sich sehr gut zu verstehen. Ein Mädchen
schickte ein Briefchen an eine Mumie, ein Junge tuschelte mit einem Werwolf.
Die Lehrerin war eine Vampirfrau, die ein langes weinrotes Kleid trug. Sie war
schön und elegant und hatte fast schneeweiße Haut. Sie beugte sich über das Heft
eines kleinen Jungen, der etwas nicht verstand und erklärte es ihm nochmals.
Als Ben danach heimkam, wartete Greta schon im Wohnzimmer.
„Und? Was meinst du, Papi? Ist das was für mich?“ fragte sie.
„Ich hoffe mal. Du bist nämlich angemeldet und musst ab Montag hin“, antwortete
Ben.
„Das muss ich gleich den anderen erzählen!“ Sie flitzte aus dem Zimmer. „Ich
freu mich so.“
Am
Montag war Greta ganz früh schon auf und packte ihren Schulranzen. Als sie
fertig war, ging sie ins Bad und putzte sich die Zähne.
Danach zog sie ihr gelbes Lieblingskleid an und ging in die Küche.
Dort saß Amen am Fenster und lauerte hinter dem Vorhang.
„Was machst du da, Amen?“ fragte Greta.
„Ich warte auf den Zeitungsausträger. Der schmeißt die Zeitung jedes Mal soweit
über den Zaun, dass sie in der Regentonne landet“, antwortete die Mumie. „Ich
mag keine nasse Zeitung. Wenn er es heute wieder macht, tunk ich ihn auch in die
Regentonne.“
„Achso.“ Greta kicherte. Dann kletterte sie auf einen Stuhl, um sich ihre Winnie
Puh-Müslischale zu holen. Dann tat sie Cornflakes hinein und goß Milch drüber.
Sie saß kaum am Tisch, als Amen wie von der Tarantel gestochen aufsprang und
hinausrannte in den Vorgarten. Greta stand auf und sah vom Fenster aus wie Amen
den Zeitungsboten, einen jungen dicklichen Mann, mehrmals ins Regenfass tauchte.
Sie setzte sich wieder hin und aß weiter, denn sie hasste aufgeweichte
Cornflakes.
Als Amen wieder reinkam, wirkte er irgendwie befreit. „Der überlegt es sich,
bevor er noch mal meine Zeitung wässert.“
Kalma stieg unterdessen auf sein Motorrad und fuhr zur Dracula-VanHelsing-Schule,
denn er sollte heute den Schülern der 10. Klasse einen Vortrag über Zombies
halten. Schließlich war er ja Fachmann (oder Fachzombie *g*).
Sein langes strähniges Haar wehte im Wind. Er liebte dieses Gefühl. Motorrad
fahren war bes-ser als alles andere. Und auf dem Motorrad war ihm auch noch nie
ein Opfer entkommen, denn egal wie schnell er fuhr, ihm konnte nichts passieren.
Toter als tot geht ja nicht. Kalma fand es rich-tig geil, ein Zombie zu sein.
Als er vor der Schule ankam, sah er Ben und Lordi, die sich von Greta
verabschiedeten.
„Guten Morgen, Leute“, rief er und bremste so knapp vor ihnen ab, dass Ben Greta
glatt von den Füßen riss, aus Angst, sie könne unter Kalmas schwarzes Motorrad
geraten.
„Was sollte das denn?“ fragte sie. „Jetzt ist mein Kleid ganz dreckig.“
„Aber Schatz, er hätte dich fast erwischt“, antwortete Ben.
„So ein Quatsch!“ meinte Greta. „Kalma hat sein Motorrad immer im Griff. Er
macht das nur, um die Leute zu erschrecken, die sich erschrecken lassen.“
„Beruhige dich, Greta, dein Papa hatte halt Angst um dich“, meinte Lordi.
„Schon gut. Bin ja nur sauer, weil mein Kleid schmutzig ist.“ Sie klopfte ihren
Roch aus. „Und jetzt geh ich da rein.“
„Soll ich mitkommen?“ fragte Ben.
„Nein, danke. Das wäre doch uncool, Papa“, sagte sie und ging in den Schulhof.
KITA war froh, endlich mal seine Ruhe zu haben. Er kochte doch so gerne. Nach
einem kurzen Blick in den Kühlschrank nickte er zufrieden und legte los. Greta
hatte sich Schokomuffins ge-wünscht.
„Butter und Zucker mit den Eiern schaumig rühren…Mehl, vermischt mit Backpulver,
und Milch hinzu…“ Er rührte alles zusammen und fügte am Schluss noch
Schokostreusel hinzu.
Als er den Rührlöffel ableckte, war er sehr zufrieden. Er füllte den Teig in die
Muffinsform und schob sie in den Ofen.
Awa pflegte unterdessen ihren Zauberkräutergarten. Nachdem sie Unkraut gejätet
und einige Pflanzen beschnitten hatte, zog sie eine frische Alraune aus der
Erde. Die Wurzel, die wie ein kleiner Mensch aussah, wehrte sich heftig und
schrie wie am Spieß.
Ein alter Mann, der gerade am Gartenzaun vorbei ging, fiel tot um.
„Ups“, machte Amen, der gerade an seinem Tempel rumpinselte.
„Das kann schon mal passieren“, meinte Awa schulterzuckend. „Der Schrei einer
Alraune ist nun mal tödlich für Sterbliche.“
„Und was machen wir jetzt mit dem Opa?“ frage Amen.
„Einpacken und bei Gelegenheit kriegt ihn Kalma. Der kann Leichen immer
gebrauchen“, sagte sie und ging an den Zaun, um den alten Mann in den Garten zu
ziehen.
„Kalma wird sich freuen“, meinte Amen und pinselte weiter. „Oh nein, jetzt haben
diese blöden Tauben schon wieder auf dem Kopf des Amun ihr Nest gebaut!“ Er
legte den Pinsel weg, griff sich einen Besen, kletterte auf einen
Mauervorsprung, stocherte nach dem Nest, um es herunter-zuwerfen, - und fiel
dabei schwungvoll auf die Nase.
Sand spuckend und fluchend stand er wieder auf, griff zum Besen, kletterte
wieder hoch und – lag wieder auf der Nase.
Awa erbarmte sich. Sie griff sich den Besen, schwang sich darauf, schwebte zu
dem Nest und holte es herunter.
„Danke, Awa“, seufzte Amen.
Inzwischen waren Ben und
Lordi wieder zu Hause.
‑Wir sollen euch von Kalma grüßen, sagte Ben.
‑Der hält heute in der 10. Klasse einen Vortrag über Zombies, erklärte Lordi.
‑Wo kommt denn die Leiche da her?
Awa hielt ihre immer noch zappelnde, aber nicht mehr schreiende Alraune hoch.
‑Wo gehobelt wird, fallen Späne, meinte sie achselzuckend.
‑Achso, machte
Lordi und warf sich die
Leiche über die Schulter. ‑Ich bring ihn in den Keller. Kalma kann ihn sich bei
Gelegenheit holen.
‑Danke, sagte Awa und wickelte ihre Alraune in ein Tuch aus weichem roten Samt.
Kalma stand vor den Schülern der 10. Klasse in einer Art Hörsaal. Er sortierte
noch mal seine Unterlagen. Dann legte er eine Folie auf den Projektor und
schaltete ihn ein.
Die Schüler, die gerade noch munter durcheinander geplappert hatten,
verstummten, als auf der Leinwand eine Zeichnung erschien, die einen Zombie
zeigte, der aus einem Grab kroch.
Kalma lächelte zufrieden und trat ans Mikrofon.
‑Guten Morgen, meine Damen und Herren,
die Schulleitung hat mich gebeten, euch etwas über Zombies zu erzählen.
Ich habe nichts dagegen, wenn ihr mir Fragen stellt, aber bitte fallt mir nicht
ins Wort, sondern meldet euch. Und falls es euch nicht interessiert& Er
fixierte ein paar Mumien, die in der letzten Reihe Karten spielten. ‑& dann
pokert bitte so, dass es die, die zuhören wollen, nicht stört.
Die Schüler lachten und die Mumien wurden ganz verlegen.
Kalma schmunzelte und nahm einen Schluck Wasser. ‑Ein Zombie ist ein Untoter,
ein wandelnder Leichnam, der ständig weiter verwest&
Ein Mädchen mit kurzen blonden Haaren meldete sich.
‑Ja? fragte Kalma.
‑Was ist, wenn nichts mehr zum Verwesen da ist? fragte sie.
‑Dann hat der Zombie Pech gehabt, rief ein Junge aus der letzten Reihe.
‑Warum? fragte Kalma. ‑Vielleicht ist es als Skelett noch viel schöner? Er
grinste. ‑Zombies sind meist nachts unterwegs. Die meisten von uns gehen
ziemlich hirnlos durchs Leben. Die sabbern nur rum und töten wahllos. Die
wenigen anderen können alles tun, was auch Lebende gern tun: Motorrad fahren,
reisen, ins Kino gehen, Weihnachten feiern&
‑Zombies feiern Weihnachten? fragte ein Vampir-Junge angewidert.
‑Nicht alle, aber ich schon, sagte Kalma.
‑Und wie müssen wir uns das vorstellen? fragte ein Mumien-Mädchen mit langen
schwarzen Zöpfen.
‑Als erstes schmücke ich den Christbaum mit den verwesenden Eingeweiden meines
letzten Opfers, dann zünde ich viele Kerzen in Schwarz und Rot an und dann
feiere ich mit meinen Freunden bei gutem Essen und Wein. Und um Mitternacht gibt
es die Geschenke, erzählte Kalma.
Ein Mädchen in der ersten Reihe meldete sich. ‑Herr Kalma, mögen Sie Kinder?
‑Aber ja. Am liebsten mag ich sie in Rotweinsoße, sagte er und grinste.
Das Mädchen sah ihn entsetzt an.
‑Was denn? fragte er. ‑So entfalten sie ihr Aroma am besten.
Greta saß unterdessen im Zeichenunterricht bei Herrn Hotep, einer Mumie.
Sie sollten eine Pyramide und den Nil zeichnen, was dem Mädchen nicht schwer
fiel. Sie zeichnete gerne. Auch Isis, die neben ihr saß, hatte Talent. Tut
hingegen schmierte sich eher selbst als das Papier voll. Er war blau, grün und
senfgelb gestreift und das Papier immer noch weiß.
‑Wie machst du das eigentlich? fragte Greta plötzlich. ‑Du schmierst dich von
oben bis unten voll und dein Blatt bleibt weiß.
‑Ich weiß auch nicht&, sagte er. Ich kann mich immer nicht entscheiden, wo ich
anfangen soll und dabei reib ich die Stifte immer an meinem Bauch.
‑Und was bringt dir das, außer bunten Bandagen? fragte Greta.
‑Ärger mit Mami, sagte er kläglich.
© by Queen of the Night 2006