Monster GmbH (by Creeper)
Kapitel 4
Die hübsche
wasserstoffblonde Untote sah ohne jede Überraschung auf, als die Tür aufging.
Ohne ein Wort der Begrüßung betrat die Mumie die Küche, schloß sorgsam die Tür
wieder hinter sich, schlich sich zu ihr an den Tisch und ließ sich dann mit
etwas auf den nächstbesten Stuhl fallen, das sich verdammt nach einem Seufzer
anhörte. Die Wasserstoffblondine beobachtete den Neuankömmling ebenso aufmerksam
wie beinahe auch schon ein wenig besorgt, denn von der üblichen, nahezu
unerschütterlichen Ausgelassenheit der Mumie war dieses Mal nicht das geringste
zu merken – und das wiederum war ungewöhnlich genug, daß es tatsächlich ein
Anlaß zur Sorge war. Das war ungefähr ebenso befremdlich wie der knuddelige
Hamster, der sich auf einmal in eine reißende Bestie verwandelt hatte und jede
Hand in Hackfleisch verarbeitete, die ihm zu nahe kam, oder der sonst so
fröhlich vor sich hinquatschende Papagei, der sich voller unerklärlicher
Depression plötzlich an der nächsten Lampe erhängte.
Wobei ihr letzteres irgendwie schon treffend erschien. So kannte sie die Mumie
überhaupt nicht. Es war schon beinahe unvorstellbar gewesen, daß diese überhaupt
einmal in einer solchen Stimmung sein konnte, wie es nun erschien – mal
abgesehen davon, daß sie auch durchaus zu gewissen Wutausbrüchen neigen konnte,
wenn sie wollte.
Aber das hier war anders. Die Untote wartete vergeblich darauf, daß ein Wort an
sie gerichtet wurde. Statt dessen ein neuerlicher Seufzer, der wirklich von
Herzen zu kommen schien. Wenn man es denn so ausdrücken konnte.
„Du siehst müde aus, Amen“, brach sie schließlich das immer drückender werdende
Schweigen und neigte dazu den Kopf ein wenig nach unten, um ihm ins Gesicht
blicken zu können und ihm dabei ein aufmunterndes Lächeln zukommen zu lassen.
Wenigstens straffte er daraufhin die Schultern und richtete sich ein wenig auf,
doch er wich ihrem Blick immer noch aus, um statt dessen die zerkratzte
Tischplatte anzustarren. Oder, wie sie eher den Eindruck hatte, durch die Platte
hindurch. Er tat das nicht, weil er ihren Blick bewußt mied, das erkannte sie,
dafür wirkte es zu ungezwungen. Aber merkwürdig genug war es allemal.
„Hmm“, meinte er in einem plötzlichen Ausbruch maßloser Eloquenz, wie man sie
überhaupt nicht von ihm kannte, doch als sie daraufhin nicht antwortete, weil
sie wußte, daß das noch nicht alles sein konnte – und weil sie verdammt noch mal
wußte, daß das nicht der Kerl war, den sie zu kennen glaubte –, da hob er doch
noch den Kopf und sah sie ohne jede Schwierigkeit an, um ihr ein beiläufiges,
wie immer verzerrtes Lächeln zu schenken.
Na, das ist doch schon besser.
„Ich schätze, das trifft es ganz gut“, fügte er dann doch noch hinzu. „Das kann
man so stehenlassen.“
Was aber nicht alles war, das wußte sie sofort. Man mußte nicht dafür studiert
haben, um das zu erkennen. Es reichte einfach, ein paar Jahrhunderte mit den
gleichen Gestalten auf engstem Raum zusammenzuleben, um zu einer solchen
Erkenntnis zu gelangen. Und so wußte sie auch, wie sie sich bei der sonst
üblicherweise so schwatzhaften und in den meisten Fällen eigentlich auch
unerträglich gut gelaunten Mumie herantasten mußte. Normalerweise tat sie so
etwas nicht. Wenn jemand so eindeutig nicht zum Reden aufgelegt war, dann hatte
das einen triftigen Grund, den sie nicht zu hinterfragen versuchte, weil es sie
im Grunde nichts anging. Aber das hier war etwas anderes. Sie kannten sich schon
so lange und doch offenbarte sich ihr auf einmal ein Zug, bei dem sie sich nicht
einmal daran erinnern konnte, ob er ihr überhaupt je ansatzweise schon einmal
begegnet war.
„Ärger mit dem Neuen?“, hakte sie vorsichtig nach, einfach weil das das erste
war, was ihr in ihren Vermutungen gerade in den Sinn gekommen war.
„Ärger?“ Er wiederholte dieses einzelne Wort, als müsse er tatsächlich darüber
nachdenken, ob es das traf. Dann aber schüttelte er überzeugt, jedoch ohne jede
Heftigkeit den Kopf, mit dem Daumen der rechten Hand einen markanten Kratzer in
der Oberfläche des Tisches nachfahrend. „Nein, eigentlich nicht. Kann man so
nicht sagen. Na ja, sicher, die üblichen Startschwierigkeiten, klar, aber das
war zu erwarten gewesen. Dem geht noch jegliche Finesse ab, darüber hinaus
vermute ich, daß er noch gar nicht richtig begriffen hat, was er eigentlich
wirklich zu tun hat. Weißt du, in der Hackfleischzubereitung ist er ganz gut,
aber an allem, was darüber hinausgeht, hapert es doch noch ziemlich.“
Sie lächelte angesichts dieser so glatt über die Lippen gekommenen Worte. Das
war schon eher die Mumie, die sie kannte, schlagfertig und spitzzüngig wie
immer. Und irgendwie fühlte sie sich wohler dabei, weil es ihr um so vieles
vertrauter war.
„Aber ich denke mir, das werden wir wohl noch hinbekommen“, fuhr er fort. „Das
Potential ist jedenfalls da, er hat bislang halt nur noch nichts daraus gemacht.
Ich denke, man muß ihn nur ein paarmal ziemlich kräftig mit der Nase darauf
stoßen – und die eine oder andere Kleinigkeit noch zusätzlich in den Schädel
hämmern, damit sie da auch haften bleibt“, ergänzte er ein wenig kryptisch. Sie
konnte nicht wissen, daß er damit die kleine Auseinandersetzung mit dem
Höllenbullen meinte, doch momentan sah er auch noch keine Veranlassung darin,
sie darüber aufzuklären. Das würde sie ohnehin irgendwann noch erfahren.
Aha, also ist es etwas anderes, daß du die Zähne kaum auseinanderbekommst.
Aber statt fortzufahren, erhob er sich auf einmal und wandte sich den wenigen
Hängeschränken der spärlich möblierten Küche zu, um deren Türen eine nach der
anderen zu öffnen und hineinzusehen. Manchmal schob er den Inhalt des einen oder
anderen Schrankes ein wenig hin und her, um erst danach die Tür wieder zu
schließen und die nächste zu öffnen. Das alles geschah vollkommen wortlos, sogar
ohne jedes Fluchen.
Sie erbarmte sich. „Suchst du etwas Bestimmtes?“
Er wandte sich nicht zu ihr um, aber sie konnte sich denken, wie er das Gesicht
zu einer Grimasse verzog.
„Da kannst du Gift drauf nehmen, daß ich etwas Bestimmtes suche“, gab er trocken
zurück. „Warum hast du sie schon wieder versteckt?“
Sie hatte sich schon gedacht, daß es das war, wonach er suchte. Wenn einer von
den Jungs plötzlich einen solchen Eifer an den Tag legte, was das Interieur der
Küche und insbesondere den Inhalte der Schränke betraf, dann konnte das für
gewöhnlich nur einen Grund haben.
„Ich habe sie nicht versteckt“, erwiderte sie und verlieh ihrem Tonfall genau
jenen Hauch von Verletztheit, den man nicht wirklich ernstnehmen konnte, der
einen aber dann doch ein wenig zweifeln ließ, sich nicht doch im Tonfall
vergriffen zu haben, selbst wenn dies nicht bewußt oder gar überhaupt geschehen
war. Dafür schien er jedoch heute wenig empfänglich zu sein, also setzte sie
nach: „Ich sehe es nur immer wieder gerne, wenn ihr Jungs danach sucht.“
Er hielt inne, gerade die nächste Schranktür öffnend, und warf ihr über die
Schulter einen ziemlich eindeutigen Blick zu, dem irgendwie etwas Gekränktes
anhaftete. Gleichzeitig jedoch sah sie in den weißblauen Augen einen deutlichen
Hinweis dafür, daß er gerade ganz und gar nicht in der Stimmung für Spielchen
war und erst recht keinen Nerv für eine lange Suchaktion hatte. Also gab sie
nach.
„Der dritte von links, ganz hinten in der Ecke.“
Tatsächlich, das Gesuchte befand sich dort. Er streckte sich und seine Hand
legte sich um das kühle Glas einer staubigen Flasche, die er aus den verborgenen
Tiefen jenes bestimmten Hängeschrankes fischte. Sie dachte kurz daran, wie sehr
es sie manchmal nervte, daß sie immer auf einem Stuhl herumklettern mußte, wenn
sie darin zugange war, und daß es doch viel einfacher wäre, würde ihr zur
Abwechslung einer der Herrschaften mal zur Hand gehen, aber dann verwarf sie
diesen Gedanken gleichmütig wieder. Genausogut konnte sie versuchen, einem
Flußpferd das Stricken beizubringen.
„Das mußt du nicht immer tun“, meinte er tadelnd, nachdem er sich ein Glas von
der Anrichte gepflückt hatte und wieder zum Tisch zurückgekehrt war, um sich zu
setzen. Ein verdächtig großes Glas, wie sie zur Kenntnis nahm. Sie ärgerte sich
nicht darüber, daß er ihr keines mitgebracht hatte, wußte er doch, daß sie auf
Getränke dieser Art für gewöhnlich verzichtete. Es wäre bloßer Anstand gewesen,
ihr ebenfalls ein Glas zu geben, allerdings ein völlig nutzloser Anstand.
„Wenn ich die Zeit dazu habe, räume ich aber nun mal ganz gerne auf, damit ich
mir nicht dauernd einen Weg von der Tür bis zum Herd schaufeln muß“, bemerkte
sie spitz und machte damit deutlich, was sie vom mangelnden Ordnungssinn der
Jungs hielt: nämlich ebensoviel wie diese vom Aufräumen selbst. Was letztlich
ohnehin auf das gleiche hinauslief.
„Aufräumen kannst du bis in alle Ewigkeit, wenn dir der Sinn danach steht“,
meinte er, ließ dabei jedoch nicht ganz durchblicken, ob er damit meinte, daß
sie das durchaus tun konnte, wenn es ihr so gefiel, oder ob der Rest der
Mannschaft bei ihrer nicht vorhandenen Ordnungsliebe ohnehin ganz automatisch
dafür sorgen würde, daß sie damit beschäftigt blieb. „Aber du sollst nicht
ständig umräumen . Wie soll man denn hier jemals durchblicken, wenn alle
zwei Wochen alles an einem anderen Platz steht?“
„Und was hast du überhaupt hier in meiner Küche zu suchen?“, schoß sie
mit einem Grinsen zurück, das ihre spitzen Fänge entblößte. Ließ ihr kühles
Lächeln jeden noch so sabbernden Trottel geradewegs dahinschmelzen, so sorgte
ein Grinsen von ihr doch recht schnell für eine harte Ernüchterung. Aber dann
kam es ohnehin nicht mehr darauf an.
Er hob demonstrativ die Flasche in ihre Richtung. „Das hier.“
Selten genug, daß das überhaupt vorkam. Der Staub hatte sich nicht ohne Grund an
das stumpfe Glas der Flasche geheftet, das jedem spätestens auf dem zweiten
Blick verriet, daß ihm die glänzende Perfektion der heute natürlich maschinell
hergestellten Flaschen vollkommen abging. Flaschen mit einer derart
eigentümlichen Form gab es heute auch gar nicht mehr, es sei denn, als
Ziergegenstände. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie diese
Flasche in die Ecke des Schrankes verstaut hatte, weil sie gedacht hatte, daß
sowieso nur alle hundert Jahre jemand danach fragen würde, aber es war
sicherlich länger als zwei Wochen her.
Das veranlaßte sie dazu, über den Tisch nach der Flasche zu angeln und sie
eingehender zu betrachten. Das Etikett löste sich an einigen Stellen bereits und
wies Eselsohren auf, zudem war seine Beschaffenheit eine gänzlich andere als die
der heutigen Papiere. Seine Farbe war viel gelblicher, was aber auch daran
liegen konnte, daß es schlicht und ergreifend im Laufe der Zeit vergilbt war. Es
sah faseriger aus, nicht so perfekt glatt, wie man es gewohnt war, und gab sich
dadurch den Anschein von handgeschöpftem Papier. Und wenn man sich einmal
durchlas, was auf diesem Papier geschrieben stand, konnte das auch durchaus im
Rahmen des Möglichen liegen.
„1875“, las sie die altertümliche Schrift laut vor und pfiff dann durch die
Zähne, bevor sie die Flasche zurückreichte. „Meine Güte, wo habt ihr die denn
her?“
Er nahm das Behältnis mit der dunkelgoldenen Flüssigkeit darin entgegen und zog
vorsichtig den Korken aus dem Flaschenhals.
„Keine Ahnung“, zuckte er mit den Schultern. „Scheint offensichtlich schon
länger hier zu sein. Ich habe sie jedenfalls nicht mitgebracht. Kann sein, daß
Kalma sie irgendwann einmal irgendwo abgestaubt hat – was du übrigens auch mal
hättest tun können, wenn du dauernd hier hin und her räumst“, fügte er stichelnd
hinzu, wobei er die Flüssigkeit ins Glas goß.
„Was kümmert mich euer Gesöff?“, entgegnete sie schnippisch. Ein scharfer, doch
überraschend aromatischer Geruch stieg ihr in die Nase und sie musterte das –
jetzt wirklich randvolle – Glas interessiert. Eine wundervolle Farbe, wie sie
zugeben mußte, und wenn es sich tatsächlich um das handelte, was das Etikett
vorgab – nämlich um echten, unverschnittenen Whiskey und nicht die billige
gepanschte Brühe aus den USA –, dann war das ein ziemlich guter und darüber
hinaus inzwischen wohl auch außerordentlich kostspieliger Drink. Den kippte man
nicht einfach in einem großen Glas hinunter, den genoß man mit allen Sinnen.
Aber genau davon schien Amen offenbar gerade einige Meilen entfernt zu sein. Ein
Kenner hätte entsetzt aufschreiend die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen,
hätte er das volle Glas gesehen, das ganz eindeutig einen anderen Daseinszweck
hatte als für geschmackliche Sinnesfreuden zu sorgen.
„Ich wußte gar nicht, daß Kalma einen so guten Geschmack hat“, meinte sie
anerkennend mit einer flüchtigen Kopfbewegung auf die Flasche hin, doch er
grinste nur, ohne dieser Geste zu folgen.
„Hat er auch nicht“, erwiderte er, wobei er das Glas in die Hand nahm und
prüfend den von der Flüssigkeit ausgehenden Geruch einsog. Den malzigen, leicht
torfigen Duft erkannte selbst sie, dabei betrachtete sie alkoholische Getränke
am liebsten von außen, wenn es sich nicht gerade um ein gutes Glas Wein oder
einen Absinth handelte.
„Wenn der es entsprechend drauf hat, kippt der doch alles in sich hinein, was
nicht schnell genug weglaufen kann. Wahrscheinlich hat er sich einfach
geschnappt, was gerade in Reichweite war.“
„Dann war’s zumindest eine gute Spontanentscheidung.“
Er hatte das Glas schon bis an die Lippen gehoben. „Hmm.“
Was ist der Bursche heute gesprächig, dachte sie mit einer Spur von Resignation.
Man könnte meinen, irgend jemand hätte ihm damit gedroht, ihn in diese Flasche
zu stopfen, um ihn zum Flaschengeist zu degradieren.
Doch plötzlich überraschte er sie doch noch, als er das Glas wieder abstellte
und dann ein wissendes Lächeln aufsetzte. Sie stellte fest, daß er gut ein
Drittel sofort hinuntergekippt hatte, ohne dabei auch nur ins Husten zu geraten.
Was ist bloß mit ihm los...?
„Könnte sein, daß du dich in absehbarer Zeit gewisser Avancen erwehren mußt“,
meinte er mit zur Seite geneigtem Kopf, aufmerksam wie meistens ihre Reaktion
auf seine Worte beobachtend.
Sie wußte ganz genau, wie sehr er es liebte, sie so sehr aus der Fassung zu
bringen, daß ihre üblicherweise kühle Fassade bröckelte. Dieses Mal hatte er
wieder einen ausgezeichneten Treffer hingelegt, denn sie war viel zu überrascht
von dem, was er sagte, als daß es ihr gelungen wäre, sich in keiner Weise
anmerken zu lassen, wie gut das jetzt gesessen hatte.
„Ava-was ?“, brachte sie nur geradezu fassungslos hervor, neben dem
Aufreißen der Augen so ziemlich das einzige, wozu sie momentan noch in der Lage
war. Es war nicht so, daß sie nicht um die Bedeutung dieses Wortes wußte, ganz
im Gegenteil. Bei ihrer Tätigkeit war sie es sogar gewohnt, daß man sie mit ganz
bestimmten und außerordentlich zielgerichteten Avancen geradewegs nur so
überschüttete – aber das war etwas anderes. Das war ganz kalt kalkuliert, damit
rechnete sie, denn darauf war sie ja selbst aus. Aber daß sie jetzt hören mußte,
daß etwas derartiges auf sie zuzukommen schien, ohne daß sie etwas davon wußte,
ohne daß sie es selbst eingefädelt hatte, das brachte sie vorübergehend aus dem
Konzept. Jedoch nur so lange, bis sie sich halbwegs gefaßt hatte und mißtrauisch
fragte: „Wer?“
Diesmal war das eher zögerliche Lächeln zum gewohnten breiten Grinsen mutiert,
doch er ließ sie ein wenig zappeln, indem er noch einen Schluck von der
dunkelgoldenen Flüssigkeit nahm, bevor er dann das Glas absetzte. In Momenten
wie diesen verspürte sie ebenso wie der Zombie das Bedürfnis, alles mit diesem
Grinsen anzustellen, nur es nicht in diesem entstellten Gesicht zu belassen.
„Der Neue“, verriet er dann schließlich mit genau jener leichten Spur von
Schadenfreude, die einen dazu veranlassen konnte, ihn für alle Ewigkeit auf eine
ganz persönliche Haßliste zu setzen, wenn man ihm denn überhaupt länger hätte
böse sein können. Dummerweise war sein Spott nur in den seltensten Fällen
wirklich boshaft genug dafür.
Diesmal klappte ihr die Kinnlade herunter und offenbarte ganz von selbst ihre
kurzen, nichtsdestotrotz nadelspitzen Reißzähne. Allein dieser Anblick wäre es
wert gewesen, sich von ihr das Herz aus der Brust reißen zu lassen, wenn ihr
denn danach gewesen wäre, so selten war er. Bei jemandem wie ihm machte das
natürlich nicht viel Sinn, aber es war ja auch bloß metaphorisch gemeint. So
jedenfalls war es ganz großes Kino, wie sie so da saß und ihn anstarrte, mit
weitaufgerissenen Augen und offenem Mund und einem Blick, als schien sie
zwischen der Entscheidung, ihn für verrückt zu erklären, und totaler
Ungläubigkeit zu schwanken. Manchmal, wenn sie sich wieder einigermaßen gefangen
und sich für ersteres entschieden hatte, kassierte er dafür einen schmerzhaften
Tritt gegen das Schienbein oder das Knie – wenn er Glück hatte –, aber damit
konnte er leben, das war ihm dieser kurze Anblick allemal wert.
„Nein“, meinte sie schließlich und versuchte sich zu einem Lächeln zu zwingen,
das ebenso unecht war wie ihre vorgetäuschte Überzeugtheit. „Du kannst mir
vieles erzählen, aber das nicht. Nein, das glaube ich dir nicht.“
Und warum dann diese Unsicherheit?
„Frag’ ihn doch selbst“, entgegnete er nur kurz angebunden, bevor er sich wieder
daran machte, den Inhalt seines Glases zu vernichten.
Das wischte ihr die klägliche Überzeugtheit aus dem hübschen Gesicht und sie
blickte ihn mißtrauisch an, was er zu ignorieren versuchte, als ginge ihn das
überhaupt nichts an. Tat es ja auch nicht. Eigentlich.
„Und woher willst du das wissen?“, hakte sie nach, offenbar immer noch
krampfhaft darum bemüht, an seinen Worten zu zweifeln. „Ich nehme kaum an, daß
er dir das persönlich gesagt hat.“
Bei diesen Worten verschluckte er sich beinahe und hatte Mühe damit, nicht alles
quer über den Tisch zu spucken. Immerhin gelang es ihm noch, das Glas
abzustellen, bevor es zu Bruch gehen konnte – es wäre eine Schande um den
wertvollen Inhalt dessen gewesen. Sie wartete geduldig, aber auch angespannt
darauf, bis Amen sich wieder einigermaßen im Griff hatte, was sich dadurch
bemerkbar machte, daß dieses elend breite Grinsen wieder auf ihrem verzerrten
Gesicht erschien.
Eines Tages, so schwor sie sich, würde sie sich dieses Grinsen über den Kamin
hängen – allerdings ohne die restliche Mumie.
„Nein, gesagt hat er mir das nicht“, stimmte er ihr zu, um dann eine bedeutsame
Pause zu machen. „Er hat Kalma gefragt.“
Es war erstaunlich, wie sehr sich ihre Augen noch weiten konnten. Sogar so weit,
daß er fast schon ernstlich befürchtete, sie könnten ihr aus den Höhlen fallen.
Erneut war sie für eine kurze Weile ebenso sprach- wie fassungslos, doch es
schien, als ob sie noch sprach- und fassungsloser war als vorhin, wenn dies denn
überhaupt im Rahmen des Möglichen war.
„Er hat was ?“ Die Ungläubigkeit, die aus jeder Pore dieses letzten
Wortes tropfte, verriet, daß sie eher damit rechnete, daß ihr auf der Stelle
Engelsflügel wachsen würde, wenn sie nur fest genug daran glaubte, als daß so
etwas geschehen wäre. „Er hat Kalma was gefragt?“
Amen machte eine unbestimmte Handbewegung. „OX hat ihn gefragt, ob er was mit
dir hätte.“
Immerhin gelang es ihr inzwischen, den Mund wieder zu schließen, während die
Ungläubigkeit in ihren Augen sich zu blankem Erstaunen wandelte.
„Das hat er ihn gefragt?“ Sie zog eine anerkennende Miene. „Der Kerl ist mutig.“
„Oder einfach nur verrückt“, ergänzte er mit einem Grinsen, das sie erwiderte.
Sie erkannte nicht, daß er auf etwas wartete, doch durch ihre nächste Frage
schlich sie sich unbewußt näher an seine Erwartungshaltung heran.
„Und wie hat Kalma darauf reagiert?“ Sie hätte ebensogut fragen können: „Und
dafür hat er ihn noch nicht in Stücke gerissen?“
Amen musterte sie kurz, flüchtig genug nur, daß ihr nicht auffiel, daß in dieser
Musterung etwas ganz Bestimmtes lag. Er hatte mit dieser Frage gerechnet und das
aus einem bestimmten Grund. Vermutlich hatte sie nicht weiter darüber
nachgedacht, denn hätte sie es getan, so hätte sie diese Frage nie gestellt. Und
sein Gespür war gut genug entwickelt, um die Bedeutung dieser Frage zu erkennen,
der sie sich offensichtlich nicht einmal bewußt war. Trotzdem ging er darauf
ein.
„Na ja, du kennst ihn ja“, meinte er beiläufig. „Für den ersten Moment war er
wohl ebenso überrascht wie ich, wenn ich es richtig gedeutet habe, wie sein
Gesicht auf einmal förmlich in Scheiben gefallen ist. Aber wenn sich einer je im
Griff hat, dann ist es wohl Kalma. Hat sich ziemlich gut gehalten, die reinste
Selbstbeherrschung. Meinte, du könntest schon selbst darüber entscheiden, wen du
dir abgreifst und wen nicht.“
Ein verräterisch flüchtiges Lächeln huschte über ihr blasses Gesicht. Zumindest
verräterisch genug für ihn. Es war immer wieder erstaunlich, wieviel mehr man
aus kleinen Gesten und Blicken über die Gedanken und momentanen Empfindungen
seines Gegenübers erkennen konnte denn durch Worte und seien es auch noch so
viele. Und dieses einzelne, dieses so kleine Lächeln verriet soviel, als hätte
er gerade ein Buch über sie gelesen.
„Typisch für ihn“, befand sie, doch ohne jede Abwertung, die diese Worte für so
oft begleitete. „Hat sich mal wieder geschickt herausgewunden, indem er alles
auf mich schiebt.“
Er wartete. Er wartete auf mehr. Und als sie endlich bemerkte, wie er sie
beobachtete, da schien ihr erst wirklich bewußt zu werden, was sie eigentlich
gesagt hatte.
„Er weiß es doch nicht wirklich, oder?“ Sie schluckte ein wenig mühevoll. „Ich
meine...der Neue...OX... Er weiß es doch nicht, oder? Er hat es nur vermutet,
oder...?“
„Selbst wenn er etwas wüßte, so ist das doch schon so lange her, daß es fast
nicht mehr wahr ist, oder?“ erinnerte Amen sie mit überraschend plötzlicher
Trockenheit im Tonfall. „Also, was machst du dir Gedanken darüber?“
Sie lächelte erneut, diesmal jedoch verschüchtert, und ihm fiel auf, daß sie
darum bemüht war, seinem Blick auszuweichen.
„Ich...ich weiß nicht“, gab sie zu. „Eigentlich war’s ja auch nicht wirklich was
damals. Ich meine, er hätte mich jedenfalls nicht zum Traualtar geführt oder so,
wenn du verstehst, was ich meine.“
Er verstand das sehr gut. Er verstand das sogar weit besser, als sie je annehmen
würde. Soweit er sich erinnern konnte, war wirklich nicht viel gelaufen damals,
kaum etwas, das der Rede wert war. Allerdings konnte er auch verstehen, warum
die Angelegenheit schnell im Sande verlaufen war, denn zumindest der Zombie
hatte sehr schnell eingesehen, daß sie – ganz gleich, was Amen selbst vorhin
gesagt hatte – nicht im geringsten zueinander paßten. Nicht auf die Art und
Weise, wie sie allein schon die Blicke auf sich zog, wenn sie auf Beutefang
ging. Sie kamen gut miteinander zurecht, selbst danach hatten sie ein
außerordentlich gesundes Verhältnis – doch rein auf einer platonischen Weise.
Der eine würde für den anderen ohne jedes Zögern die Hand ins Feuer halten, doch
ihre Verbundenheit basierte allein auf freundschaftlicher Ebene, so wie
gleichermaßen zu den anderen. Und wahrscheinlich war das auch besser so. Es war
besser, daß sie so rasch zu dieser Erkenntnis gekommen waren, statt später eine
Art Rosenkrieg aufzuführen.
Und trotzdem konnte die klarsichtige Nüchternheit des Zombies manchmal verdammt
an der Substanz zerren. Er hatte recht, natürlich hatte er das. Er hatte immer
recht, wenn es um Dinge ging, in denen Empfindungen mitspielten, und er souverän
wie immer mit einer nahezu unerträglich rationalen Souveränität daranging. Was
auch immer in seiner Vergangenheit vorgefallen war, doch es hatte gereicht, um
einen beinahe undurchdringlichen Panzer gegen jeden Funken von Emotion
aufzubauen, jedenfalls jene der innigeren Art.
Wenn es doch nur jedem so einfach gelänge, einen solchen Panzer aufzubauen und
erst recht aufrecht zu erhalten...
Sie hatten nie darüber gesprochen, jedenfalls nicht mit dem Rest der Truppe, der
auch nie nachgefragt hatte, da es sie ganz offensichtlich nichts anging, doch
man mußte schon ausgesprochen stumpfsinnig sein, um nichts aus ihrem Verhalten
schließen zu können. Doch manche Dinge sollte man auf sich beruhen lassen. Das
sollte man wirklich.
Sie durchbrach das peinlich werdende Schweigen, indem sie eine Grimasse zog.
„Der ist nicht mein Typ“, meinte sie mit einem schiefen Grinsen. „Diese
Hörner...und erst dieser Stacheldrahtring in der Nase... Stell’ dir das mal vor,
da würde ich mir ja jedesmal das Gesicht dran aufreißen... Nee, wirklich
nicht...“
Er erwiderte ihren Blick und tat ihr den Gefallen, mit in ihr erst noch
verhaltenes Lachen einzufallen. Eigentlich hatte sie recht, es war wirklich eine
sehr absurde Vorstellung, die erst so richtig an Komik gewann, wenn man sie sich
bildlich vorstellte. Dennoch bemerkte er, daß es irgendwie ein gequältes Lachen
blieb, trotz aller Bemühungen.
Mit einem Zug leerte er sein Glas und wollte nach der verstaubten Flasche
greifen, die noch auf dem Tisch stand, doch mit überraschender Schnelligkeit
legte sich eine angenehm kühle und milchblasse Hand federleicht auf die seine,
während eine andere Hand die Flasche aus seiner Reichweite zog. Sein Blick glitt
weiter hoch, strich über Lippen, die vorhin noch gelächelt hatten, doch um deren
Mundwinkel nun ein harter Zug lag, weiter hinauf, bis er Augen begegnete, in
denen eine Ernsthaftigkeit lag, die selbst ihn beinahe erschreckte. Von dem
Zombie war er einen solchen durchdringenden Blick gewohnt, doch bei ihr war das
etwas vollkommen anderes.
„Du spielst mit mir, nicht wahr?“ Sie fragte dies ganz ruhig, so als wüßte sie
die Antwort schon und wartete nur noch auf eine Bestätigung von ihm. „Hältst du
mich wirklich für so dumm? Glaubst du, ich merke nicht, daß du mir ausweichst,
indem du die Flucht nach vorne antrittst?“
Er starrte sie nur an, darum bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie
ihn verblüffte. In einer anderen Situation wäre es diesmal wohl sie gewesen, die
diesen Anblick wie lebensnotwendigen Sauerstoff in sich eingesogen hätte, als
wäre sie kurz vor dem Ertrinken gewesen, solch einen Seltenheitswert besaß er.
Aber das war eben nicht eine solche Situation, die sie dazu veranlaßt hätte,
genau dies zu tun. Jederzeit, aber nicht ausgerechnet jetzt.
„Was ist los mit dir?“, sprach sie genau das aus, was ihr schon zum unzähligsten
Male durch den Kopf gegangen war, seit die Mumie die kleine Küche betreten
hatte. Es war nur die Kurzform dessen, womit ihre Gedanken sie beschäftigt
hatten, aber es war so ziemlich das, was es am besten traf, auch wenn es eine
Frage war, die so allumfassend war, daß man eine ganze Nacht damit verbringen
konnte, sie zu beantworten. Und in ihren Fällen, als Untote, sogar noch weit
mehr.
„Mit mir?“ Die Überraschung, die er dabei zeigte, war nicht ganz unecht – er war
tatsächlich überrascht, wenn auch über etwas anderes, als seine Worte sie
Glauben machen wollten.
Er schüttelte den Kopf. „Gar nichts ist mit mir los. Wie kommst du darauf?“
Er bezichtigte sich selbst der Lüge, als er mit plötzlicher Hast versuchte,
seine Hand zurückzuziehen, doch sie hatte das kaum merkliche Zucken der Sehnen
und Muskeln bemerkt und war entsprechend darauf vorbereitet. Sie schloß ihren
Griff um seine Hand und hielt ihn fest.
„Traust du mir das nicht zu?“, wollte sie in einem sanften Tonfall wissen, der
so sehr im Kontrast zu ihrem erstaunlich festen Griff stand. Er hatte den Blick
gesenkt. Sie quetschte seine Hand regelrecht ein, doch das schien sie nicht
einmal zu bemerken. „Wir kennen uns schon so lange, so furchtbar lange, und du
willst mir irgend etwas vormachen? Glaubst du etwa, ich erkenne nicht, daß mit
dir irgend etwas nicht stimmt?“
Eine Pause entstand, die fast unangenehm zu werden drohte, bis er doch den Kopf
wieder hob und sie zu ihrer Verwunderung feststellen mußte, daß er lächelte. Es
war nicht das Lächeln, das sie kannte, dem trotz seines Alters immer noch etwas
so Verspieltes, so Jungenhaftes anmutete, und so zuckte sie innerlich zusammen,
als sie erkannte, daß hinter der offensichtlichen Fassade dieses Lächelns eine
erschreckende Traurigkeit zu wohnen schien, die sie nie zuvor an ihm gesehen
hatte, niemals in all den Jahren zuvor. Doch schlimmer als das waren seine
Augen, die ihrem Blick ohne jede Mühe begegneten und in denen etwas lag, das sie
gleichzeitig faszinierte und abstieß, etwas so Namenloses, das sie wünschen
ließ, es niemals kennenzulernen – wie bei Kalma, wie ihr auf einmal klar wurde.
Amens Augen waren trotz der unnatürlich hellen Farbe zu tiefgründig, um
gefahrlos darin versinken zu können und zu glauben, man würde keine Schäden
davontragen, wenn man wieder daraus emportauchte. Sie hatte es bislang nur noch
niemals so bewußt wahrgenommen.
Und es erschreckte sie. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch es
erschreckte sie tatsächlich. Und so bemerkte sie auch nicht wirklich, daß er
seine Hand doch noch zurückzog, nachdem sich ihr Griff darum unbewußt gelöst
hatte.
„Was kümmert es dich, was stimmt und was nicht?“, entgegnete er leise. „Was,
wenn ich meine Gründe habe, dir etwas vorzumachen?“
Er hatte das mit ungewohnter Sanftheit gesagt, doch ihr versetzten diese Worte
einen merklichen Stich, den sie nicht ignorieren konnte, und das konnte er ihr
auch ansehen.
„Aber das bist nicht du“, hielt sie ihm beinahe einer Anklage gleich vor. Auf
einmal wirkte sie sehr verletzt, als nähme sie seine Worte persönlicher als sie
eigentlich gedacht waren. „Das bist nicht du, den wir kennen, den wir die ganze
Zeit über gekannt haben.“
„Vielleicht bin ich das ja doch und ihr habt mich nur die ganze Zeit vorher über
nicht gekannt? Vielleicht habe ich dir ja doch etwas vorgemacht, nur all die
Jahre zuvor?“ Ein Zeichen merklicher Verwirrung schlich sich auf ihr Gesicht und
so rang er sich zu einem aufmunternden Lächeln durch, wie um ihr beweisen zu
müssen, daß er es doch nicht so ernst meinte, wie es den Eindruck hatte.
Schließlich aber war er es, der nach ihrer Hand griff, behutsam nur, ohne eine
offensichtliche tiefere Absicht und ohne jede Bedeutung, und er fuhr kaum
merklich mit dem Finger die in einem blassen Blau durchschimmernden Adern
entlang. Sie senkte den Kopf und folgte dieser Berührung mit einem Stirnrunzeln,
das sich zu der restlichen Verwirrung gesellte, als sie zu ergründen versuchte,
was es damit auf sich hatte. Doch es steckte nichts dahinter, rein gar nichts.
Dafür kannten sie sich einfach zu lange. Dazu würde es niemals kommen.
„Habe ich dich jemals nach deiner Vergangenheit gefragt?“ Fast schon schreckte
sie auf, als er sie das fragte, und so mußte sie erst ihre Gedanken, die
abgeglitten waren, wieder einfangen, um sich überhaupt bis zur Essenz dieser
Frage durchzukämpfen.
Nur zögerlich schüttelte sie den Kopf. „Nein. Niemals.“ Das hatte er nie getan,
wie es auch die anderen nie getan hatten. Sie sprachen nie über ihre
Vergangenheit, keiner von ihnen. Manchmal, da entschlüpfte ihnen vielleicht die
eine oder andere Bemerkung diesbezüglich, ganz unbeabsichtigt, aber das war
nichts Tiefschürfendes, nichts, das einen tieferen Blick zuließ. Wer nicht
darüber sprechen wollte, der wurde nicht dazu gedrängt – und über ihre
Vergangenheit sprechen wollte keiner von ihnen. Zuviel verbarg sich dahinter,
zuviel, das jeder von ihnen vergessen wollte und das doch auf Gedeih und Verderb
für alle Zeit in ihren Erinnerungen verankert war. Der Chef hatte wohl Kenntnis
davon, das war wahrscheinlich, doch dieser würde ebensowenig auch nur ein
einziges Wort darüber verlieren. Wer nicht über seine Vergangenheit sprechen
wollte, der hatte auch einen guten Grund dazu. Einen verdammt guten.
„Und das werde ich auch nie tun“, versprach er ihr sanft. „Es geht mich nichts
an und es darf mich auch nichts angehen. Also laß mir meine Vergangenheit ebenso
wie ich dir deine. Es ist meine und sie geht nur mich etwas an.“
Was sollte sie nur sagen? Was sollte sie darauf nur sagen? Natürlich verstand
sie seinen Wunsch, natürlich respektierte sie ihn – aber wie um alles in der
Welt sollte sie ihm bloß erklären, daß sie es nicht ertragen konnte, ihn derart
bedrückt zu sehen, mit einer kaum verhohlenen, an der Grenze zur uralten
Verzweiflung wankenden Traurigkeit, die sich nicht mehr nur allein in seinen
Augen verborgen hielt, sondern sich schon in seiner Körpersprache verriet? Wie
sollte sie ihm nur erklären, daß dieser Zustand an ihrer Substanz nagte, daß er
alles in ihr zusammenzog, daß sie seine scheinbar so unerschütterliche
Ausgelassenheit so sehr vermißte, daß ihr dies beinahe schon körperlich bewußt
wurde? Wie sollte sie das nur angesichts des Respekts, den sie gleichzeitig vor
ihm hatte?
Sie biß sich auf die Lippen und senkte den Blick, wollte diesen manchmal
unerträglich hellblauen Augen nur noch ausweichen, die sie zu zermartern
drohten. Kalma beherrschte das auch, doch auf eine gänzlich andere Weise. Ein
Blick von ihm genügte, um jemanden zu zermalmen, doch wenn man in Amens Augen
sah, zerbrach man an sich selbst.
Er drückte ihre Hand behutsam ein wenig fester, so daß sie wieder aufsah.
„Hey“, meinte er mit einem sichtlich gezwungenen aufmunternden Lächeln. „Ich
sag’ dir was: Morgen ist alles wieder in Ordnung. Versprochen. Gib mir Zeit bis
morgen und es ist alles wieder wie vorher.“
Es waren Dinge wie diese, die verhinderten, daß man der Mumie lange böse sein
konnte. Bei allem Sarkasmus, aller Giftigkeit, die sie absonderte und die einen
so manches Mal wünschen ließ, ihr die Kehle herauszureißen, so waren es doch so
kleine Dinge wie diese Worte oder einfache winzige Gesten, die erkennen ließen,
daß sie letztlich doch über ein gutes Herz verfügte. Bildlich gesprochen
jedenfalls.
Alles wieder in Ordnung? Alles wieder wie vorher? Wie konnte es das...?
Er erhob sich langsam, und als ihre Hand dabei aus der seinen glitt, spürte sie
das merkwürdige, völlig irrationale Gefühl des Verlustes. Sie sah ihm nach, wie
er bis zur Tür ging, darum bemüht zu verarbeiten, was in ihrem Kopf vorging, in
diesem Durcheinander, diesen so widersprüchlichen Gedanken. Konnte es sein,
hatten sie sich die ganze Zeit über so sehr in ihm getäuscht, hatten sie sich so
sehr etwas vormachen lassen – oder selbst vorgemacht?
An der Tür hielt er auf einmal inne, die Hand schon an der Klinke, um sich dann
noch einmal zu ihr umzuwenden.
„Weißt du, manchmal ist es schon merkwürdig“, meinte er nachdenklich. „Da ist
man schon so lange tot und kann sich an manche Gefühle glücklicherweise nur noch
erinnern – und doch werden ausgerechnet diese von Mal zu Mal immer
stärker.“ Er schenkte ihr ein so bitteres Lächeln, daß sie innerlich empfindlich
zusammenfuhr.
„Kalma hatte recht“, fügte er trocken hinzu. „Eigentlich ist er zwar immer noch
ein Grünschnabel, aber was seine Klarsichtigkeit betrifft, da ist der Junge
einfach unschlagbar.
Manche von diesen verdammten Erinnerungen werden im Laufe der Zeit nur noch
schmerzhafter – erst recht, wenn es um alte Empfindungen geht. Wenn dich jemals
auch nur irgend etwas zu zerreißen vermag, dann ist es das.
Ende Kapitel 4