Monster GmbH (by Creeper)
Kapitel 1
Ein aufmerksamer Beobachter hätte vielleicht die beiden Gestalten in den
Schatten bemerkt, die sich dem trüben Licht der wenigen noch funktionstüchtigen
Straßenlaternen fernhielten. Vielleicht hätte er sie bemerkt, wenn er sich so
sehr auf sie konzentriert hätte, daß seine Augen zu tränen begonnen hätten,
während er versuchte, sie anzustarren. Er hätte schon wissen müssen, daß sie
dort waren, verborgen vor dem verräterischen milchigen Lichtkegeln, um überhaupt
auf sie aufmerksam zu werden und sie anzusehen. Wer es nicht wußte, der hätte
sie auch nicht gesehen. Er hätte ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt, denn er
wäre sich gar nicht erst bewußt gewesen, daß sie überhaupt da waren.
Einem wirklich aufmerksamen Beobachter allerdings, dem es nichts ausmachte, daß
seine tränenden Augen seinen Blick zu verschleiern drohten, und der sich so sehr
konzentrierte, daß seine Schläfen schmerzhaft zu pulsieren begannen, einem
solchen Beobachter wäre zweifellos auch aufgefallen, daß mit diesen beiden
Gestalten etwas nicht stimmte. Und das lag nicht etwa nur daran, daß sie beide
einen ziemlich abgerissenen Eindruck machten. Von der Sorte liefen hier vom
Penner bis zum Nachwuchs-Punk mehr herum, als man an beiden Händen abzählen
konnte. Aber das war es nicht, was sie von dem übrigen Kehricht auf der Straße
abhob. Einem wirklich aufmerksamen Beobachter wäre aufgefallen, daß die
Nachtschattengewächse, die noch durch die Straßen zogen, weil sie gerade aus
einem Club, der gerade angesagtesten heißen Disco im so ziemlich abgewracktesten
Viertel der Stadt, aus der Kneipe oder wußte der Himmel woher kamen, diesen
beiden Gestalten in den Schatten zwar keine wie auch immer geartete Beachtung
schenkten – nicht einmal ein flüchtiger, abwertender Blick war drin –, wohl aber
einen auffallen weiten Bogen um sie machten, so als wüßten sie instinktiv, daß
es besser war, irgend etwas auszuweichen, gleichwohl sie es nicht einmal
wirklich wahrnahmen.
Doch was noch nicht einmal der aufmerksamste Beobachter bemerkt hätte, wenn er
sich den beiden abgerissenen Gestalten nicht genähert hätte, wäre diese
unbestreitbare Aura der Furcht, die wie ein körperlich spürbarer Eispanzer um
sie lag. Und es war diese Furcht, die sie verströmten, die jeden, der sich ihnen
auch nur um weniger als zehn Meter näherte, dazu brachte, einen Bogen um sie
herum zu machen.
Und keiner von ihnen wußte, wie dankbar sie diesen Instinkten sein konnten. Denn
hätten sie gesehen, wem sie wirklich auswichen, ihr Verstand wäre nahe dran
gewesen, sich in einer Ecke zusammenzurollen, aus der ihn nichts und niemand
mehr würde hervorzerren können – nur um dieser Furcht auszuweichen.
Doch es gab keinen Beobachter und so hielten sich die beiden Gestalten weiterhin
in den Schatten, wo sie dem Anschein nach ruhig auf etwas zu warten schienen.
Zumindest wartete eine von ihnen ruhig. Die andere, die sich äußerlich merklich
von der ersten unterschied, machte dagegen ganz den Eindruck, als baue sich
spürbare Ungeduld in ihr auf. Zwar hatte sie noch nicht damit begonnen, unruhig
hin und her zu tigern, doch schien sie auch nicht mehr sonderlich weit davon
entfernt zu sein.
„Also gut“, platzte es schließlich aus ihr heraus und sie wandte sich damit an
die andere, sichtlich massiver gebaute Gestalt, die sich gerade von der
verwitterten Backsteinmauer abstieß, gegen die sie gelehnt hatte, und nun etwas
in den Taschen ihres zerschlissenen schwarzen Ledermantels zu suchen begann. „Tu
mir bitte den Gefallen und klär’ mich endlich darüber auf, was wir hier
eigentlich zu suchen haben!“
Die andere Gestalt antwortete nicht sofort und störte sich auch nicht an dem
ungeduldigen Tonfall. Statt dessen war sie in ihren Taschen fündig geworden und
zündete sich nun mit einer betont gelassenen Geste eine Zigarette an, bevor sie
den Kopf ein wenig zurücklegte und den stumpfen Rauch in die Schwärze des
Nachthimmels blies. Dann grinste sie.
Was allerdings auch nicht besonders schwer war. Wer ein Gesicht wie diese
Gestalt hatte, der konnte einfach gar nicht anders als grinsen. Ihr blieb gar
keine andere Wahl. Man mochte sich darüber streiten, vor wie vielen Jahren diese
Gestalt noch Lippen gehabt hatte, die es ihr ermöglicht hatten, auch zu lächeln,
jetzt aber war sie nur zu einem immerwährenden, wenn auch merkwürdig boshaftem
Grinsen fähig, was man ihr nicht einmal vorwerfen konnte. Beunruhigender als
dieses nicht sonderlich vertrauenerweckende Grinsen an sich war jedoch die
Tatsache, daß es in ein Gesicht gemeißelt war, dessen Besitzer eigentlich nicht
mehr dazu in der Lage sein sollte, überhaupt noch auf beiden Beinen zu gehen,
ohne daß jemand dabei nachhalf. Besitzer solcher Gesichter sollten dazu nicht
mehr in der Lage sein und das aus einem ganz einfachen Grund.
Wer ein solches Gesicht hatte, war für gewöhnlich schon mehrere Wochen tot.
Graue Haut spannte sich in brüchig aussehender Beschaffenheit über
Gesichtsknochen, die ausgeprägter waren als es bei jedem lebenden Geschöpf der
Fall sein konnte, jedoch nicht so ausgeprägt, wie sie bei mumifizierten Toten
deutlich genug zu sehen war. Die Erklärung dafür war so schlicht wie unmöglich,
denn es befand sich noch genug morsch erscheinendes Fleisch unter der Haut, daß
zumindest noch zu erahnen war, daß dieses Gesicht einst zu einem wirklichen
Mienenspiel fähig gewesen war. In dem Zustand, in dem es sich jetzt befand, war
dies freilich unmöglich. Und so wirkte es nicht völlig wie ein Totenschädel,
schien aber offenbar auf dem besten Weg dorthin zu sein. Es gab keine Lippen
mehr, die das Gebiß und das damit verbundene immerwährende und beeindruckend
zähnestarrende Grinsen hätten verbergen können, in dem phantasievolle Gemüter
einen Hauch von gewalttätigem Spott erkennen mochten. Das schwindende Fleisch
war auch dafür verantwortlich, daß die Augen in für ein lebendes Wesen unmöglich
tiefen Höhlen lagen, die bestrebt zu sein schienen, in den Schädel
hineinzukriechen. Im vollständigen Gegensatz zu diesem Zustand offensichtlichen
Verfalls der sterblichen Hülle standen jedoch die Augen selbst, die von einem
derart klaren und intensiven Grün war, daß man das Gefühl bekommen konnte, daß
das Selbst einen empfindlichen Sprung erhielt, sah man auch nur einen Herzschlag
lang zu lange hinein.
Wenn man denn hineinsah. Wenn man die Gestalt überhaupt sah. Und wenn man ihr
erst in die Augen sah, mochte das ein Fehler sein, für den man nicht einmal mehr
die Zeit haben würde, ihn bereuen zu können. Wer auch nur ein einziges Mal im
Programmkino einen Film zu nachtschlafender Zeit gesehen hatte, in dessen
Beschreibung irgendwo das Wort „Horror“ aufgetaucht war, der hatte so etwas
schon einmal gesehen. Und der wußte auch, daß man diese Gestalt der Einfachheit
halber nur als Zombie bezeichnen konnte.
Was nicht bedeutete, daß die andere Gestalt besser aussah.
„Befehl vom Chef“, lautete die Antwort. Wäre ein aufmerksamer Beobachter trotz
des fürchterlichen Anblicks immer noch zugegen gewesen, hätte er sich
wahrscheinlich gewundert, wie die Gestalt mit dem verwesten Gesicht diese Worte
überhaupt hatte aussprechen können, wo ihr doch so ganz offensichtlich die
Lippen fehlten, um dies möglich zu machen. Vermutlich aber schaltete sich
spätestens nach diesem Anblick jegliches vernünftige Denken zum reinen
Selbstschutz ganz automatisch ab.
Die andere Gestalt, die etwa einen halben Kopf größer und sichtlich schlanker
war, hielt damit inne, sich einen nach Verbandstoff aussehenden Fetzen, der sich
gelöst hatte, um das Handgelenk zu wickeln und sah auf. Und ihre Miene, die nur
unwesentlich zu mehr Ausdruckskraft in der Lage war als die der anderen Gestalt,
verfinsterte sich merklich.
„Ja, und den Spruch hast du jetzt schon dreimal gebracht“, knurrte sie mißmutig.
„Wie lange willst du mich damit eigentlich noch abspeisen? Seit wann kümmern
dich eigentlich Befehle vom Chef?“
Diese letzten Worte waren eindeutig mit einem gewissen Spott gekommen, in dem
etwas Lauerndes lag, was der Zombie jedoch entweder absichtsvoll ignorierte oder
sich gar nicht erst daran störte. Es schien ein altes Lied zwischen ihnen zu
sein, das er momentan jedoch nicht wieder aufwecken wollte.
„Er kann manchmal sehr überzeugend sein“, entgegnete er mit heiserer Stimme, die
viel deutlicher die Bedeutung ihrer Worte verriet als diese selbst. Unter
gegebenen Umständen hätte die zweite Gestalt auch nichts darauf erwidert, kannte
sie doch die sehr eigenwilligen Überzeugungsmethoden des Chefs, aber diesmal war
sie nicht in der Stimmung dazu.
„Na schön“, zeigte sie sich nur vorgeblich mit dieser Auskunft zufrieden und
ließ in einer heftigen Bewegung die Arme sinken, so daß sich der Fetzen um ihr
Handgelenk wieder löste. „Dann will ich dich gleich mal von was anderem
überzeugen: Wenn du mir nicht möglichst schnell einen überzeugenderen Grund
lieferst, warum wir hier herumgammeln, statt immer nur den Befehl vom Chef
vorzuschieben, dann werde ich für meinen Teil überzeugend schnell den Abgang
machen und dann kannst du meinetwegen hier rumhängen, bis du verfaulst!“
So aufgebracht, wie sie ihre Meinung zur derzeitigen Situation geäußert hatte,
die ihr so ganz und gar nicht in den Kram paßten, so vielsagend war der
durchdringende Blick, den sich die hagere Gestalt dafür einfing.
„Deine Metaphern waren auch schon mal besser“, kommentierte der in Leder
gekleidete Zombie trocken, was seinen Kumpel nicht im geringsten zu berühren
schien.
„Ich bin nicht in der richtigen Stimmung für den entsprechenden Feinschliff“,
gab er zurück, wobei das Funkeln der weißblauen Augen dies recht eindrücklich
unterstrichen. „Vielleicht sollte es dir zu denken geben, woran das liegen mag!“
„Das wird dem Chef nicht gefallen, wenn er erfährt, daß du auch noch
Begründungen brauchst, bevor du einen Befehl in die Tat umsetzt. Mal ganz
abgesehen davon, wie er darauf reagieren wird, wenn er spitz bekommt, was für
ein Theater du deswegen veranstaltest!“
Die größere der beiden Gestalten hörte auf, an dem widerspenstigen Fetzen an
ihrem Arm herumzuzerren und starrte ihr Gegenüber mit einem Blick an, der
ziemlich deutlich davon sprach, was sie jetzt am liebsten getan hätte. Statt
dessen beherrschte sie sich, wenn auch nur unter sichtlicher Mühe, und ballte
unbewußt die rechte Hand zu einer Faust. Der Zombie erwiderte den Blick nur
ungerührt.
„Du elende Petze! Das würdest du glatt bringen, zu ihm hinrennen und ihm alles
brühwarm auftischen, nicht wahr? Du verdammter...“
„Sei vorsichtig mit dem, was du sagst“, warnte der Zombie gelassen. „Sonst
könnte ich mich tatsächlich dazu veranlaßt sehen, diesen Gedanken in Erwägung zu
ziehen. Beim letzten Mal hast du deinen Job immerhin ziemlich verhunzt.“
„Ich habe überhaupt nichts verhunzt! Wenn du mir nicht in die Quere gekommen
wärst, wäre alles problemlos gelaufen! Warum hast du dich überhaupt eingemischt?
Als ob ich nicht wüßte, was ich tue! Und jetzt zum letzten Mal: Was machen wir
hier eigentlich?!“
Ein weiteres starres Grinsen. „Wart’s ab!“
Die zweite Gestalt gab auf. Resigniert verschränkte sie die Arme vor der Brust
und ließ sich mit dem Rücken gegen die Fassadenwand fallen, um daraufhin zwar
schweigend, aber ausgesprochen finster vor sich hin zu starren. Lediglich wenn
einer jener unvorsichtigen Passanten vorbeikam, die einen auffallend großen
Bogen um eine Stelle machten, an der augenscheinlich doch nichts war, richtete
sie den bitterbösen Blick weißblauer Augen auf diese, als seien sie der Grund
für die miserable Laune der Gestalt oder doch zumindest ein ideales Opfer, um
sie an ihnen loszuwerden. Hätten die Passanten gewußt, wer sie anstarrte oder
gar wie sie angestarrt wurden, sie hätten zweifelsohne versucht, sich in sich
selbst zu verkriechen, nur um diesem im wahrsten Sinne des Wortes mörderischen
Blick auszuweichen. Denn genau danach war der gänzlich in Fetzen gekleideten
Gestalt gerade. Vielleicht hätte sie dadurch dem angestauten Ärger in ihr sogar
ein wenig Luft machen können. Statt dessen schmollte sie in vollendeter Sturheit
vor sich hin und wartete mit verbissenem Schweigen darauf, daß man sie
möglicherweise doch noch darüber aufklärte, was zur Hölle sie hier eigentlich
verloren hatten.
Und tatsächlich, das Wunder geschah.
Der Zombie, der bislang eine Ruhe an den Tag gelegt hatte, als könne er die Zeit
bis zum Weltuntergang so verbringen, merkte auf einmal auf. Sein entstellter
Kopf ruckte herum, als hätte er ein unsichtbares Signal erhalten, und die
Pupillen seiner kristallklaren grünen Augen zogen sich unvermittelt zu winzigen
Stecknadelköpfen zusammen, als er entdeckte, worauf er gewartet hatte. Er ließ
den Zigarettenstummel achtlos zu Boden fallen und zog damit die Aufmerksamkeit
seines mißgestimmten Begleiters auf sich, obwohl dieser sich alle Mühe gab, es
zu ignorieren.
„Du wolltest doch wissen, worauf wir warten“, meinte der Zombie mit leiser
Stimme, ohne sich dabei umzusehen.
Sein Begleiter dagegen drehte sich nun um und folgte seinem starren Blick mit
plötzlich erwachter Neugier.
„Wäre mal ‘ne Maßnahme“, kommentierte er sarkastisch. „Andernfalls könnte ich
mir einen spannenderen Zeitvertreib vorstellen, als bloß hier herumzulungern.“
Wenn er es noch gekonnt hätte, so hätte der Zombie jetzt gegrinst – wobei er das
genau genommen ja dauernd tat, nur hätte er es diesmal sogar bewußt getan. Er
spürte plötzlich ein eigentümliches Kribbeln irgendwo ganz tief in sich drin,
als eine innere Glut aufzuglimmen begann, und er wußte, was das bedeutete. Die
Glut war immer da, doch jetzt hatte sie Nahrung entdeckt. Es würde nicht lange
dauern, bis sie zu einem verheerenden Feuer entflammte.
„Da kommt dein Zeitvertreib gerade.“
Damit war jegliches demonstrative Schmollen wie weggewischt und die hagere, in
seltsame Fetzen gewickelte Gestalt stieß sich mit einem Ruck von der Fassade ab,
um einen genaueren Blick auf das zu richten, was der Zombie meinte. Und sie
brauchte gar nicht erst zu suchen, als gleichsam in ihr dieses lautlose, doch
kaum zu mißachtende Signal zu summen begann. Sie trat einen Schritt vor und
neben ihren Begleiter, wo sie eine Weile schweigend beobachtete und dann den
Kopf schief legte.
„Ist nicht dein Ernst, oder?“, meinte sie skeptisch und machte dabei eine vage
Geste. „Die da hinten meinst du? Die Kleine?“
„Hmm“, machte der Zombie nur bejahend, ohne den Blick vom Objekt seiner
plötzlich sehr konzentrierten Aufmerksamkeit zu lösen. Er wußte, was er
verspürte, und er wußte ebensogut, daß sein Begleiter, der seine zur Schau
getragene Sturheit zumindest vorerst vollkommen vergessen hatte und sich
vielmehr von seiner geweckten Neugier leiten ließ, das gleiche spürte:
Beutegier. Und zwar eine Beutegier, die weit ausgeprägter war, als sie es bei
jedem Raubtier hätte sein können. Wobei es „Raubtier“ eigentlich noch recht gut
traf. Jenes zerrte nämlich gerade wie wildgeworden an seiner Kette und jaulte
ohrenbetäubend.
„Zum Teufel, selbst die Seele eines Vollkornbrötchens ist gehaltvoller als die
dieser Schnepfe“, kommentierte der schmale, groß gebaute Begleiter des Zombies
trocken.
Das brachte ihn dazu, etwas genauer hinzusehen, auf einer anderen Ebene
genauer hinzusehen. Eins mußte man dem alten Sturkopf lassen, er mochte seine
Macken haben und einem manchmal den letzten Nerv rauben, wenn er der Meinung
war, mit diesem durch die nächste Wand zu müssen, aber die unendlich langen
Jahre seiner Existenz hatten dafür gesorgt, daß er ein verdammt gutes Gespür für
so etwas entwickelt hatte. Er brauchte keinen Sekundenbruchteil, um zu erkennen,
ob ein Opfer lohnenswert war oder ob es sinnvoller war, seine Zeit mit dem
Häkeln von Tischdeckchen zu verbringen. Es gab keinen Grund, auch nur einen
Herzschlag lang an dieser Aussage zu zweifeln, schließlich war es ihm auch schon
selbst aufgefallen. Er war es, der die Seelen sammelte, doch wenn er den Wert
einer Seele auch unwesentlich schneller erkannte, so glich die enorme Erfahrung
seines Begleiters dies doch aus, auch wenn dieser sich nie um die Seelen
gekümmert hatte.
„Was willst du denn von der ?“, hakte der Begleiter des Zombies nach. „Du
kannst mir jetzt nicht weismachen, daß wir hier die ganze Zeit herumgegammelt
haben, um uns die Kleine zu krallen. Wenn du dir die schnappst, wird deine
Sammlung eine ganz gehörige Wertminderung bekommen. Die ist doch echt ‘n Witz
und noch nicht einmal ein besonders guter.“ Er wandte sich zu dem Zombie um.
„Also, was willst du von der?“
„Befehl vom Chef“, sagte der Zombie zum wiederholten Mal und riß seinen Blick
dann endlich von der sich nähernden Beute ab, um seinen Begleiter zu fixieren.
Jeden anderen hätte ein solcher Blick unzweifelhaft in die Knie gehen lassen,
doch der andere reagierte nicht einmal darauf.
„Und hör’ endlich mit diesem schmutzigen Grinsen auf, sonst reiß ich es dir noch
aus dem Gesicht“, fügte der Zombie beiläufig dazu.
Sein Begleiter zuckte nicht einmal zusammen. „Ist nicht meine Schuld“,
verteidigte er sich. „Wann hast du dich das letzte Mal im Spiegel angesehen?
Wenn du davon ausgehst, dann solltest du lieber mal still sein. Und was heißt
eigentlich „Befehl vom Chef“? Die hast du dir gar nicht selbst ausgesucht?“
„Das meinst du jetzt nicht ernst, oder? Eine derartige Geschmacksverirrung
traust du mir tatsächlich zu?“
„Ich trau’ dir noch ‘ne ganze Menge mehr zu, wovon du einiges schon
eindrucksvoll unter Beweis gestellt hast, aber das nur ganz nebenbei.“ Die
zerlumpte Gestalt straffte sich und nahm daher nicht mehr wahr, daß sie mit
einem Blick bedacht wurde, der Gestein zum Schmelzen gebracht hätte – was sie
andererseits aber wohl auch kaum gekümmert hätte. Dazu war sie zu kaltblütig.
„Also nichts für deine Sammlung?“
Der Zombie legte mit einer langsamen Bewegung den Kopf auf die Seite. Der Frage
hatte nur ein solcher minimaler Hauch von Spott angehaftet, daß man ihn leicht
hätte überhören können, doch dafür kannte er seinen in Fetzen gehüllten
Begleiter viel zu lange – und viel zu gut. „Vorsichtig“, knurrte er mißmutig.
„Du bewegst dich auf verdammt dünnem Eis, du mumifiziertes Fossil!“
„Oh, bitte!“ Die zweite Gestalt winkte ab. „Wir wollen doch nicht wieder damit
anfangen, oder? Außerdem sind wir vom Thema abgekommen, wie mir scheint. Die
Kleine ist also für den Chef?“
„Gut kombiniert. Ihre Seele, ja. Was sollte ich schon damit anfangen?“
Die Mumie wandte sich erneut um und starrte den Zombie diesmal derart fragend
an, daß es leicht war zu erkennen, daß diesmal nichts davon gespielt war.
„Aber was will er ausgerechnet mit der? Ich meine, du sammelst ja schon alles
Kraut und Rüben, was dir in die Quere kommt, aber ich hätte nicht gedacht, daß
er auch so einen miesen Geschmack hat. Jedenfalls bislang nicht.“
„Hat er auch nicht“, gab der Zombie zurück, ohne dabei auf den Seitenhieb zu
reagieren, den er hatte kassieren müssen. „Hast du nicht eben gesagt, daß ich es
glatt bringen würde, ihm davon zu berichten, wie du den letzten Job so gründlich
verhunzt hast?“
Unnatürlich helle Augen verengten sich mißtrauisch und die langsam
zurückgekehrte gute Laune verflüchtigte sich augenblicklich wieder, als der
Zombie das sagte. Merkwürdig daran war nur, daß seinen Worten keine Spur von
Genugtuung anhaftete, die einen Groll um so verständlicher und eine daraus
resultierende Reaktion entschuldbarer gemacht hätte, so daß nicht wirklich klar
war, wie man nun auslegen sollte, was er gesprochen hatte.
„Du hast es ihm schon gesagt?“, preßte die Mumie mühsam beherrscht zwischen den
Zähnen hervor und mußte an sich halten, um nicht auf einmal etwas ganz Dummes zu
tun. Sie wollte sich mit dem Zombie nicht wirklich anlegen, war sie sich doch
nicht wirklich sicher, wer dabei den kürzeren ziehen würde, doch wenn dem
tatsächlich so war, wie sie vermutete, wenn er tatsächlich gepetzt hatte,
dann... „Du verdammter, elender...“
„Halt die Luft an“, brachte der Zombie seinen gerade auffahrenden Begleiter
wieder herunter. „Ich hab’ überhaupt nichts getan, wenn es das ist, worauf du
anspielst. Er hat’s schon gewußt. Frag’ mich bloß nicht, woher er das schon
wieder gewußt hat, aber du weißt ja, wie das bei ihm so ist. Und ebenso hat er
gewußt, daß ich da irgendwie mit drin gesteckt habe. Das heißt im Klartext, daß
er uns beide dafür verantwortlich macht, daß der Job verpfuscht wurde. Also
blas’ dich jetzt bloß nicht so auf, okay? Ich weiß nicht, was er mit der Kleinen
anfangen will, wahrscheinlich steckt er ihre Seele in ein Einmachglas und
stellt’s aufs Kaminsims, mehr kann man damit ohnehin nicht machen. Ich schätze
mal, daß ist die Art von mieser Auftragsarbeit, die uns bevorsteht, wenn wir uns
noch mal so einen Riesenpatzer erlauben. War immerhin keine Kleinigkeit, die
beim letzten Mal mit drangehangen hat.“
„Nachtragender Grottenolm“, fluchte die Mumie leise in sich hinein und ließ dem
noch eine ganze Reihe weiterer, jedoch stummer Flüche folgen. „So eine
Aufregung, bloß weil einmal was danebengegangen ist. Und was ist mit den
unzähligen Aufträgen davor? Ich meine, es ist ja nicht so, daß wir sonst nichts
geleistet und immer nur Mist abgeliefert haben? Wie ist dein aktueller Stand
eigentlich?“
Der Zombie zog eine Grimasse, jedenfalls sofern ihm das bei seinem entstellten
Gesicht noch möglich war. „Ich habe schon vor etlichen Jahren mit dem Zählen
aufgehört“, meinte er und zuckte dann mit den Schultern. „Hat eh keinen Zweck,
sich darüber aufzuregen. Der Chef hat gesagt, was Sache ist, und das war ein
eindeutiger Befehl. Glaubst du etwa, ich hätte da mit dem rumdiskutiert? Also
laß uns die Sache jetzt durchziehen und wieder abhauen, bevor das Ganze noch
lächerlich wird.“
„Lächerlich ist es jetzt schon“, kommentierte sein immer noch mißgestimmter
Begleiter zynisch. „Und was springt dabei für dich raus? Oder machst du das ganz
ohne jede Trophäe? Kann ich mir bald nicht vorstellen, ohne alles hast du dich
noch nie abspeisen lassen.“
„Hat ja auch keiner was von gesagt.“ Der Zombie grinste, aber das tat er ja
eigentlich ohnehin immer. „Auf die Seele kann ich verzichten, die ist ohnehin
nur Schund, die kann er meinetwegen gern haben.“ Er machte eine kleine, aber
bedeutsame Pause. „Ich will ihren Kopf.“
Daraufhin entgegnete die Mumie erst einmal nichts, sondern musterte ihr sich
ihnen langsam näherndes Opfer nachdenklich und eine ganze Weile schweigend. Es
war wirklich zu schade, daß in den meisten Fällen zwischen einem hübschen Kopf
und einer als Trophäe lohnenswerten Seele eine so himmelschreiend gewaltige
Kluft lag, die beides nicht miteinander vereinbar machten. In einem von tausend
oder mehr Fällen hatte es mal zusammengepaßt, so daß es echten Spaß gemacht
hatte, sich beides zu holen, aber meistens war entweder das eine oder andere ein
regelrechtes Trauerspiel, das bisweilen zu einer Herausforderung ganz eigener
Art wurde. Hier war es nicht anders: Die Seele dieser Schnepfe war nicht mehr
als ein schlechter Witz, aber immerhin saß ein mehr als akzeptabel aussehender
Kopf auf den schmalen Schultern. Jedenfalls noch. Daß er nicht mehr lange dort
saß, hatte der Zombie recht deutlich durchblicken lassen. Wenigstens machten sie
sich da die Mühe nicht gänzlich umsonst.
Was zu Überlegungen ganz anderer Art führten.
„Und was mach’ ich dann eigentlich dabei?“
Der Zombie bedachte seinen Begleiter mit einem flüchtigen Blick, den man
vieldeutig auslegen konnte, wenn man sich die Mühe gemacht hätte. Die Mumie
jedoch war nicht darauf aus, langes Rätselraten zu betreiben, was sie nicht
zuletzt durch ihre abwartende Haltung deutlich machte, die ganz eindeutig
besagte, daß sie ihre Frage auch eindeutiger auszudrücken vermochte, wenn sie es
für notwendig hielt. Dazu kam es dann zum Glück doch nicht, denn der Zombie
lenkte ein.
„Na ja, laß es mich so ausdrücken“, begann er gedehnt. „Ich hab’ mich seiner
Meinung ja nur eingemischt, obwohl es mich nichts anging. Aber du hast
den Job letztendlich in die Binsen gesetzt. Was also glaubst du, was du machst?“
Der Mumie klappte unvermittelt die Kinnlade herunter, was zugegebenermaßen bei
diesem schiefen Gesicht einen ziemlich amüsanten Anblick abgab. Sie selbst war
natürlich derzeit nicht unbedingt dazu in der Lage, die Komik dessen
entsprechend zu würdigen.
„Siehst du den Typen, der bei der Kleinen ist?“, wurde der Zombie etwas
deutlicher und lenkte damit die Aufmerksamkeit seines Begleiters auf die Person
neben ihrem auserkorenen weiblichen Opfer. Alles, was diesem dann noch
zusätzlich zur Maulsperre, die bei ihm eingesetzt hatte, gelang, war es, die
Augen weit aufzureißen und dann erst mal völlig sprachlos zu sein. Das an sich
war schon ein Zustand, dessen Seltenheitswert es verdient hätte, schriftlich
festgehalten zu werden, doch diesmal verspürte der Zombie keinerlei Genugtuung
dabei, die Mumie so zu sehen. Der Auftrag, den er selbst zu erfüllen hatte, um
seinem Chef überhaupt wieder ohne Gewissensbisse unter die Augen treten zu
können, war ja schon schlimm genug, aber der Part, für den die Mumie vorgesehen
war, war nun wirklich so erbärmlich, daß er beinahe so etwas wie Mitleid für
seinen Begleiter verspürte. Mochten sie auch manche Meinungsverschiedenheit
mitunter recht rabiat untereinander austragen und sich nur in den seltensten
Fällen einig sein, doch das hatte er wirklich nicht verdient, ganz gleich, was
vorgefallen war. Was das betraf, so zweifelte er nicht daran, daß das bloß aus
einer Laune der Gehässigkeit des Chefs resultierte und keinen ernsthaften
Hintergrund hatte – erst recht nicht jenen, den dieser vorschob –, doch war es
zwecklos, darüber mit ihm zu diskutieren. Der Chef gehörte zu jener Sorte, die
behaupten konnte, der Himmel sei grün – und dann von seinen Mitarbeitern
erwartete, daß sie dies anstandslos bejahten.
Aber trotzdem, das hier hatte nun wirklich niemand verdient, erst recht nicht
die Mumie, die schon seit so langer Zeit einwandfreie Arbeit abgeliefert hatte.
Es war einfach...unfair.
Besser er als ich, dachte der Zombie, um sich gleich darauf stillschweigend bei
seinem Begleiter zu entschuldigen.
Wenn es auf dieser Welt wohl einen Anblick gab, der einen vor Lachen unter den
Tisch hätte fallen lassen, dann war es der einer Mumie, die gerade die letzten
Reste ihrer Fassung verloren hatte und dies allein durch ihren Gesichtsausdruck
zu verstehen gab, nachdem ihr die Mimik, die ihr überhaupt noch geblieben war,
gründlich entglitten war. Jedenfalls wäre es mit Sicherheit zum Lachen gewesen,
hätte der Zombie nicht gewußt, daß er sich in einer ganz ähnlichen Situation
befand – und nicht viel gefehlt hätte, um sich in jener der Mumie zu befinden.
Daß dem nicht so war, war reines Glück und somit gleichbedeutend mit einer der
Launen des Chefs. Was mußte dieser Stinkstiefel auch immer so verdammt
nachtragend sein! Ja, sicher, bei ihrer langjährigen Erfahrung sollten solche
Anfängerpatzer nun wirklich nicht mehr vorkommen, aber der hatte gut reden! Wer
machte denn hier die ganze Arbeit? Wer häufte hier unzählige Überstunden an und
bekam auf die Frage, wann er diese denn endlich abfeiern dürfe, lediglich einen
abschätzigen Blick und die unmißverständliche Antwort, man könne ihn nicht so
einfach von einem auf den anderen Tag in Urlaub schicken, wie er sich das denn
vorstelle, und ach ja, ich hab’ hier noch was für dich...?
Wird an der Zeit, daß wir endlich ‘ne Gewerkschaft gründen, dachte der Zombie
zum wiederholten Male mißmutig. Wer nicht arbeitet, der kann auch keine Fehler
machen. Soviel verstand sogar er, obwohl er sich fragte, ob die ständig betonten
Wiederholungen und nachdrücklichen Hinweise auf den ganzen bürokratischen Kram
und die Organisation und überhaupt... Ob das auch nur irgendeine Entschuldigung
dafür war, daß der Chef dem Rest der Mannschaft dermaßen was aufhalste. Aber vom
Schreibtisch aus mußte das wohl alles ziemlich locker aussehen.
Wie ich mir das mit dem Urlaub vorstelle? Wie wäre es, wenn ein gewissen
Schreibtischhengst zur Abwechslung mal seinen Arsch aus dem bequemen Sessel
hebt, um mal wieder in Kontakt mit dem zu kommen, das die Bezeichnung „Arbeit“
wirklich verdient, statt Büroklammern zu zählen?
Natürlich hütete er sich, solche Gedanken auch laut auszusprechen, auch wenn
jeder von den anderen in etwa gleich dachte wie er. Er konnte es tun, natürlich,
er scheute sich auch nicht in dem Sinne davor, daß er sich vor einer
mittelschweren Explosion des Chefs fürchtete – schlimmer war nur, was ihn
möglicherweise danach erwartete. Denn wenn er das jemals tat, würde er
anschließend noch froh sein können, wenn der Chef ihm aus lauter Dankbarkeit für
seine ehrlichen Worte noch so einen Auftrag zukommen ließ, wie ihn jetzt die
Mumie erhalten hatte.
Dieser gelang es auch vorerst nicht, ihrer Fassung, die sich vorübergehend
dezent verabschiedet hatte, Herr zu werden.
„Neeein“, sagte sie gedehnt und mit einem Tonfall, als glaubte sie selbst noch
halbwegs an einen schlechten Scherz. Das war ihr wohl auch zu verzeihen, denn
immerhin war die Mumie mit großem Abstand der langjährigste Mitarbeiter in der
kompletten Mannschaft, und ganz gleich, was sie sich in all den Jahren je hatte
zuschulden kommen lassen, aber das hatte sie nun wirklich nicht verdient. Das
erklärte auch die Enttäuschung auf den sichtbaren Teilen des Gesichtes, als ein
Blickwechsel mit dem Zombie sie gewissermaßen „Doch“ wissen ließ. Enttäuschung
und unverkennbar ein verletzter Ausdruck, der sich in die wie so meistens
verräterisch hellen Augen schlich.
„Das ist nicht dein Ernst!“, protestierte die Mumie mit rechtschaffender
Empörung. „Ich meine, Vollkornbrötchen, okay, aber selbst da kommt dieser Typ
doch nicht mal ran! Wenn der dem Wert einer Toastbrotscheibe Konkurrenz macht,
ist das doch schon hoch gegriffen. Sieh dir den Kerl doch mal an, das ist
doch...ein Witz! Und da soll ich...ich soll...ich meine... Hey, verdammt noch
mal, das kann doch nicht dein Ernst sein!“ Sie ließ hilflos die Arme
sinken, mit denen sie gestikuliert hatte, so als seien ihr nicht nur die Worte,
sondern auch die Gesten ausgegangen. Und wie sie jetzt so dastand, mit hängenden
Schultern und vollendeter „Die Welt ist ja so schlecht“-Haltung, da konnte sie
einem wirklich leid tun.
„Das ist nicht mein Ernst“, stellte der Zombie klar. „Der vom Chef allerdings
schon. Außerdem, schau dir doch mal an, was ich hab’. Das ist ja wohl auch
keinen Deut besser!“
„Immerhin kannst du dir anschließend noch ihren hübschen Kopf aufs Wandregal
stellen“, meinte die Mumie verdrießlich. „Aber ich würde den Schädel von dem
Kerl nicht einmal Ratten als Behausung anbieten. Und abgesehen davon... Es
ist einfach entwürdigend!“
„Entwürdigend?“ Der Zombie warf seinem gekränkten Begleiter einen ungläubigen
Blick von der Seite zu. „Und das sagt jemand bei dem, was du alles schon
gebracht hast? Jetzt stell’ dich bloß nicht so mädchenhaft an, du Mimose! Wem
willst du hier was von Würde erzählen?“
Ihre beiden Opfer hatten sie nun fast erreicht und begannen vollkommen unbewußt,
obgleich immer noch auf eine Art und Weise albern kichernd und tuschelnd, die
zumindest für außerordentlich großzügigen Alkoholgenuß sprach, einen Bogen um
etwas zu machen, das sie zwar nicht sehen, dafür jedoch um so intensiver spüren
konnten – und dieses Gefühl schrie dem alkoholisierten Pärchen geradewegs zu,
nicht nur einen Bogen zu machen, daß sie um ein Haar die gegenüberliegende
Hauswand hinaufgekrabbelt wären, sondern am besten auf dem Absatz kehrt zu
machen und möglichst schnell wieder in die entgegengesetzte Richtung
davonzurennen. Dummerweise jedoch fand sich eben jenes Gefühl ziemlich allein
auf weiter Flur vor, denn so sehr es auch schrie und die wenigen Gehirnzellen
mit Tritten traktierte, die noch nicht völlig besoffen die Fahne der
Kapitulation schwenkten, niemand beachtete es mit mehr als einem
desinteressierten Hinaufziehen einer Augenbraue.
Dieses Pärchen wäre gut damit beraten gewesen, auf sein Gefühl zu achten, denn
auch wenn sie nicht erkennen konnten, wovor sie instinktiv scheuten, auch wenn
die beiden merkwürdig abgerissenen Gestalten, diese beiden Untoten – denn nichts
anderes waren sie, auch wenn sich jeder noch einigermaßen vernunftbegabte
Verstand schreiend dagegen gewehrt hätte – gerade damit begannen sich zu
streiten, so lösten diese sich doch plötzlich ohne jede Absprache aus den
Schatten, wo sie die Zeit mit Warten verbracht hatten, um sich gleichsam wie
Schatten an die beiden jungen Leute zu heften, nachdem diese geglaubt hatten,
dieses unbestimmbare Grauen sicher passiert zu haben.
Nur um dann festzustellen, daß ihnen die Furcht wie eine emsige Spinne aus Eis
folgte und bestrebt zu sein schien, ihnen das Rückgrat hinaufzukrabbeln.
Die beiden Verursacher dieses Schreckens wären möglicherweise überrascht über
diese Poesie gewesen, die sie angesichts dessen, was sie völlig unbeabsichtigt
heraufbeschworen, erblühte, waren sie doch für gewöhnlich einhellig der Meinung,
daß Poesie etwas war, das grundsätzlich anderen zustieß. Zumal sie momentan auch
mit anderen Dingen beschäftigt waren, als sich ausgerechnet darüber Gedanken zu
machen.
„Mädchenhaft?“, giftete die Mumie, wieder zu Höchstform auflaufend. „Mimose
? Ja, wem erzähle ich hier eigentlich was von Würde? Dafür bist du ja
wohl erwiesenermaßen die falsche Adresse! Paß bloß auf, was du sagst, du
stinkender Haufen Bio-Abfall, sonst könnte es sein, daß ich meine Manieren
vergesse! Bloß wegen der paar Jährchen...“
„...dieser unbedeutenden paar Jährchen“, ergänzte der Zombie grinsend.
„...dieser unbedeutenden paar Jährchen – und unterbrich mich nicht dauernd,
das ist schlechter Stil! –, die du Grünschnabel jünger bist...“
„Und das mit den Manieren glaube ich dir jetzt sowieso nicht“, fügte der Zombie
hinzu, wobei er sich alle Mühe gab, einen ernsthaften Eindruck zu machen. „Warum
sind mir die bisher nicht begegnet? All die Jahre und du hast es nicht einmal
für nötig gehalten, sie mir vorzustellen.“
Jetzt war die Mumie endgültig verwirrt. „Wovon zum Teufel sprichst du?“
„Von deinen angeblich vorhandenen Manieren.“
Mit dem, was dann geschah, hätte niemand rechnen können, außer dem Zombie, der
seinen in Fetzen gewickelten Begleiter gut genug kannte, um dies voraussehen zu
können. Was ihn dann doch ein wenig überraschte, war die eher seltene
Heftigkeit, mit der die Mumie reagierte. Alles, was auf diesen letzten Satz noch
von ihr kam, war ein wutentbrannter Blick, der ziemlich deutlich für den
aufgestauten Zorn sprach, der sich in ihr angesammelt hatte. Inzwischen hatten
sie so dicht zu dem Pärchen aufgeschlossen, daß sie sehen konnten, wie sich
unwillkürlich deren Nackenhaare aufgerichtet hatten und unverkennbarer Zeichen
für das kalte Grauen waren, das sie zweifelsohne erfüllte, als sie sich
anderweitig je hätten anmerken lassen können. Und so verwunderte es kaum, daß
der Mann schon einen leisen, erstickten Aufschrei ausstieß, noch als die Mumie
die Hand ausstreckte und noch bevor sie ihn überhaupt berührt hatte.
Und dann geschah alles so schnell, daß die Augen Sterblicher dem nie hätten
folgen können, welche Mühe auch immer sie sich gegeben hätten. Selbst dieser
erstickte Laut des jungen Mannes erstarb ganz plötzlich, als er von den Beinen
und gleichzeitig zur Seite gerissen wurde – um dort den Eindruck zu erwecken,
als ob er auf eine unaussprechliche Weise mit den Schatten zu verschmelzen
schien, während etwas...mit ihm geschah .
Die Frau, von einem Moment auf den anderen so gänzlich ohne den einvernehmend um
sie gelegten Arm ihres Begleiters, fuhr trotz ihres unverkennbaren Alkoholpegels
erstaunlich rasch herum, die Lippen schon halb geöffnet, um einen überraschten,
vielleicht aber auch neckisch-empörten Ausruf auszustoßen, doch ihr Blick
vermochte nichts zu erfassen, nichts als undeutliche Schemen, die wie die
verklärten Bilder eines Traumes aussahen, die einmal durch den Weichzeichner
gejagt worden waren. Merklicher als zuvor erschauerte sie, als es sie fröstelte.
Und die undeutlichen Schemen plötzlich eine Klarheit gewannen, die sie wünschen
ließ, sich die Augen herauszureißen.
Maßloses Entsetzen und ureigenste Furcht, vermengt von der kalten Hand des
Grauens überspülte sie im Bruchteil eines Herzschlags so vollkommen, daß jeder
Muskel, jede Sehne, jeder einzelne verdammte Nerv in ihr gefror und sie
regelrecht versteinerte. Obgleich sie nichts lieber getan hätte, so vermochte
sie sich nicht einmal abzuwenden, geschweige denn davonzurennen, was das einzige
war, was ihr die wenigen plötzlich wiedererwachten Zellen der Vernunft
zubrüllten. Doch sie konnte es nicht, was zur Verdammnis auch immer geschehen
war, sie konnte es nicht.
Sie wollte nur eins, sie wollte schreien. Diesem Entsetzen in ihr mit einem
Schrei Luft machen, der ihre Lungenbläschen zum Platzen gebracht und sie an
ihrem eigenen Blut hätte ersticken lassen. Alles, alles nur um diese
schreckenerregenden Bilder nicht mehr sehen zu müssen.
Schreien .
Ihr stummes Flehen wurde erhört, doch das von jemandem, den sie nicht einmal
gebeten hätte, sie beim Tanz auf der Schneide des Todes zu führen. Und wenn sie
ein wenig mehr bei Sinnen gewesen wäre, so wäre ihr sicherlich auch aufgefallen,
wie absurd dieser Vergleich war. Denn wer sie in diesem Moment erhörte, der
war gleichbedeutend mit der Schneide des Todes. Er war die Klinge und er war
scharf genug, um Sonnenlicht zu schneiden.
Es wurde ihr erspart, weiterhin jene Bilder sehen zu müssen, die nicht einmal
dem schlimmsten ihrer Alpträume hätten entspringen können, doch was sich ihr da
ins Blickfeld schob, war nur für einen Sekundenbruchteil eine Verbesserung. Denn
als sich ihr Blick erst darauf fokussierte, verspürte sie mehr als je zuvor das
Bedürfnis zu schreien.
Es waren Gesichter wie dieses, die einen stumm darum betteln ließen, endlich den
Verstand zu verlieren. Gesichter wie dieses, die überhaupt keine Fragen mehr
aufkommen ließen, was weiterhin geschehen würde, denn Gesichter wie dieses waren
bereits die Antwort. Und mehr noch als dieses fürchterlich anzuschauende Gesicht
ließ sie dieser Blick wissen, daß sie sich keine Sorgen zu machen brauchte. Nie
mehr.
Sie wußte nicht, was sie mit diesem Blick anfangen sollte, doch er traf irgend
etwas auf einer Ebene, die sich ihrem bewußten Denken entzog, und der sich
dennoch so tief grub, daß er ihr elementares Selbst regelrecht aufspießte. Augen
von der Farbe und der kristallenen Klarheit eines Smaragds in einem solchen
Gesicht. Es mutete wie eine Perversion an.
Und doch gelang es ihr nicht einmal, sich dagegen aufzulehnen, als sie darin
versank.
Vielleicht war das auch besser so. Darüber nachdenken konnte sie nicht mehr,
blieb ihr Blick doch auch weiterhin gefesselt, selbst als diese
schreckenerregende Gestalt ihr die Hand auf die Stirn legte und somit mit ihren
Fingern fast die Hälfte ihres Kopfes umgriff. Sie spürte es nicht einmal, war
nicht mehr dazu in der Lage, sich zu rühren, geschweige denn den Blick von
diesen Augen...so wunderschön ...zu nehmen, in denen Unergründliches
ebenso wie Unbeschreibliches stand. Ihr Bewußtsein schaltete sich ab und sie
bemerkte es nicht einmal. Aus diesem Grund konnte sie auch nicht mehr dankbar
darum sein, daß ihr das abscheuerregende Geräusch reißenden Fleisches und
berstender Knochen nicht mehr zu Ohren kam, denn selbst wenn der Ursprung dieser
Geräusche ihr eigener Körper gewesen wäre, hätte sie es nicht mehr wahrgenommen.
Nur diese Augen, diese Augen...
Der Zombie seufzte stumm, ließ sich von den Geräuschen aus den Schatten und den
sie begleitenden Strom leiser Flüche jedoch nicht ablenken. Die Mumie hatte
recht, das hier war nicht nur ein Kinderspiel, es war wirklich entwürdigend. An
so was hatte er sich noch nicht mal drangegeben, als er gerade Frischling
gewesen war, aber es ausgerechnet jetzt nach seiner bisherigen Laufbahn tun zu
müssen, ließ ihn stillschweigend darum bitten, daß niemand außer der Mumie je
etwas davon erfuhr. Wobei der arme Hund ja nun wirklich schlimmer dran war. Das
war so erbärmlich, daß er sich beinahe selbst für das verabscheute, was er tat.
Das allerdings freilich nicht, weil er Mitleid für die junge Frau verspürte.
Sie schrie tatsächlich. Was sie längst nicht mehr wissen und auch nicht hören
konnte, doch sie schrie so laut, daß es gereicht hätte, um einem das
aufgeschäumte Hirn aus den Ohren zu quetschen – doch all das geschah auf einer
Eben, die mit der Wirklichkeit alles Lebenden soviel zu tun hatte wie Junkfood
mit ausgewogener Ernährung. Einer Ebene, in der ihr Selbst kaum mehr als ein
nebliger Schatten war, der keinen Halt fand und von Dingen hilflos
umhergewirbelt wurde, denen man besser keinen Namen gab. Hier in der
Wirklichkeit, ihrer Wirklichkeit, der man sie entrissen hatte, war ihr
Bewußtsein nicht mehr als eine schwache Erinnerung, in die sich der Zombie
hineinbrannte, die er aus ihrem Körper gründlicher herausbrannte als jede
Feuersbrunst es je vermocht hätte, um nicht einmal verbrannte Asche, sondern
lediglich die schwarz verkohlten Wände einer nutzlosen Hülle zu hinterlassen.
Nur diese eine Berührung verband sie miteinander, doch ließ ihn das ihren Schrei
hören, ließ ihn ihre Furcht spüren, während er weiter in sie vordrang und sie
all das sehen ließ, was er einst sah. Hätte sich ihr Verstand nicht längst
verflüchtigt, spätestens jetzt wäre er in winzigste Partikel zerborsten, denn
was er sie zu sehen zwang war nichts, das ein Sterblicher je hätte ertragen
können, niemand und niemals.
Er wußte, wie gut er in dem war, was er tat, und doch hatte er tatsächlich ein
wenig Mühe, ihre Seele zu finden. Seele , pah! Ihm wäre jetzt eine ganze
Reihe anderer Ausdrücke für dieses...Ding eingefallen, aber als Seele
hätte er es wohl nicht bezeichnet. Sie war derart lächerlich, daß er sie noch
nicht einmal auf Anhieb hatte auftreiben können, so versteckt war sie unter all
dem anderen Müll. Und dabei zog er gewiß keinen Vergleich zu einer der
vermeintlich „reinen“ Seelen – die hatten ohnehin den Spaßfaktor eines gereizten
Bienenschwarms. Aber das hier war schlichtweg so erbärmlich, daß es selbst ihn
anwiderte.
Was soll’s. Augen zu und durch! Es war nicht weiter schwer, nach dem
verängstigt zusammengerollten kleinen Ding zu greifen, und während er das tat,
konnte er hören, wie sich ihr Herzschlag, der in seinen eigenen Ohren hämmerte,
noch einmal beschleunigte und in seinen Fingerspitzen pulsierte.
Man brauchte nicht an die Wiederauferstehung, Gott, die Kirche und Religionen
überhaupt zu glauben, um von der Existenz der Seele überzeugt zu sein. Sie ließ
es einen selbst wissen, wenn die Zeit dafür gekommen war.
Unglücklicherweise hatten diese verfluchten Miststücke die Angewohnheit, bei
manchen erst recht spät auf sich aufmerksam zu machen. Aber in diesem Fall hier
war das vermutlich ohnehin gleichgültig.
Ein kurzer, entschlossener Ruck.
Das Hämmern in seinen Ohren erstarb von einem auf den anderen Augenblick, das
Pulsieren in seinen Fingerspitzen erlosch. Ebenso wie der Funke in den Augen der
Kleinen, der nicht umsonst als Lebensfunke bezeichnet wurde. Nur wußten die
wenigsten, daß er nicht melodramatisch ausgehaucht wurde, sondern verglühte,
wenn die Augen brachen.
Der Zombie horchte prüfend in sich hinein. Ja, da war es tatsächlich, das Ding,
das sich unverschämterweise Seele nannte und dem dabei noch nicht einmal der
plötzliche Ortswechsel aufgefallen war. Das sprach wohl für sich. So was würde
er sich nicht einmal ins Album einkleben, aber gut, der Chef bestand darauf,
also würde er sie ihm pflichtbewußt abliefern.
„Was, immer noch nicht fertig?“
Der Zombie blickte auf und sah die Mumie, die ihn mit abwartend zur Seite
geneigtem Kopf fragend anstarrte. Sie hielt die Arme ein wenig abseits vom
Körper, aber eigentlich war diese Vorsichtsmaßnahme völlig überflüssig, so wie
sie aussah. Daß ihr dabei das Blut von den Fingern tropfte, bemerkte sie
offenbar nicht einmal.
„Du etwa?“, entgegnete der Zombie, einfach weil er nicht gewillt war, auf diese
blöde Frage direkt zu antworten.
„Wonach sieht’s denn aus, du Intelligenzbestie?“ Die Mumie versuchte sich mit
dem Handrücken über das Gesicht zu wischen, erreichte damit jedoch mitnichten
eine Verbesserung, sondern verschmierte die auf der blassen Haut unnatürlich
leuchtenden Spritzer nur noch großzügig. „Jetzt mach’ endlich hin, ich hab’
keine Lust mehr auf den Blödsinn!“
Der Zombie war geneigt, seinem Begleiter zuzustimmen, ließ jedoch unbewußt den
Blick abschweifen. „Wo ist er?“
„Dieser Typ?“ Die Mumie stieß ein unförmiges Etwas mit der Fußspitze an. „Hier.“
Dann drehte sie sich um und wies mit dem Finger auf ein gleichartiges
unförmiges, nur geringfügig größeres Etwas. „Und das da auch.“ Ein flüchtiger
Blick in die Runde. „Und das da hinten gehörte auch mal zu ihm – glaube ich
jedenfalls. Und das da...“
Der Zombie folgte der Aufzählung nicht gänzlich unbeeindruckt. Da hatte sich
wohl eine ganze Menge Frust entladen, was auch das äußere Erscheinungsbild der
Mumie erklärte. Das war ein wenig überraschend, denn eigentlich kannte er sie so
gar nicht. Oder zumindest nur außergewöhnlich selten. Daß das Temperament derart
heftig mit ihr durchgegangen war, sprach jedenfalls ziemlich eindeutig für ihre
Laune, mit der es zur Zeit offenbar nicht gerade zum besten stand. Das hatte
dieser junge Mann im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erfahren müssen.
Der Zombie nickte nur knapp und löste seine Hand vom Kopf der Frau. Stand sie
bisher immer noch aufrecht auf ihren eigenen Beinen, so war es nun, als hätte
jemand die Fäden durchgeschnitten, mit denen sie geführt worden war, denn ihre
Gliedmaße gaben unter ihr nach wie schmelzende Butter. Mit überraschender
Behutsamkeit fing der Untote ihren Fall ab, bevor sie auf dem Boden aufkommen
konnte und strich ihr mit eine fast schon vorsichtig zu bezeichnenden Geste das
Haar aus der Stirn.
Wirklich ein hübscher Kopf. Schade nur, daß der Rest so absolut wertlos war.
Er maßte es sich nicht an, den Richter über Leben und Tod zu spielen. Seine
Sicht von Wert und Wertlosigkeit war allenfalls vollkommen subjektiv und dessen
war er sich auch bewußt. Er spielte nicht den Richter. Das hätte bedeutet, sich
mit solchen Dingen wie Moral und Skrupel auseinanderzusetzen, aber das fiel
eindeutig nicht in seinen Aufgabenbereich. Dafür waren andere zuständig. Er nahm
das Leben und er gab den Tod.
Wenn man Glück hatte. Ansonsten konnte es verdammt unangenehm werden.
„Alter Charmeur!“, ließ sich die Mumie, die ihn aufmerksam beobachtete, leise
vernehmen.
„Das habe ich gehört!“
„Solltest du ja auch.“
Der Zombie umgriff den Kopf der Frau mit beiden Händen und hielt ihren toten
Körper somit in einer halbwegs aufrechten Haltung. Und dann machte er eine
Bewegung, die eigentlich vollkommen unmöglich war, denn während die Nackenwirbel
vor der rohen Gewalt kapitulierten, die sie um satte 180 Grad um die eigene
Achse zwangen, und mit einem unverkennbaren Knirschen splitterten, mußten
gleichzeitig Bänder, Sehnen und Muskeln einer Kraft nachgeben, gegen die sie
nichts auszurichten hatten, und das abscheuliche Geräusch reißenden Fleisches
erklang.
Ein schlaffer Torso sackte weg auf den schmutzig-feuchten Asphalt, doch niemand
beachtete ihn.
Der Zombie hob den Kopf in seinen Händen auf Augenhöhe und starrte in das
milchblasse Gesicht mit den zum stummen Schrei geöffneten Lippen, mit diesen
farblos gewordenen gebrochenen Augen. Nicht einmal ein winziger Spritzer Blut
verunstaltete die makellose Blässe der Haut.
Saubere Arbeit, gratulierte er sich selbst.
„Auf die Art wirst du nie die Frau fürs Leben finden“, kommentierte die Mumie
zynisch und schüttelte geistesabwesend die Hand, von der immer noch Blut
tropfte. Der Zombie bedachte seinen Begleiter mit einem vielsagenden Blick von
der Seite.
„Wenigstens habe ich noch was, das ich mir ins Regal stellen kann“, gab er
trocken zurück.
„Kann ich auch“, hielt die Mumie dagegen. „Ich muß bloß ‘n Einmachglas finden,
das groß genug ist...“
Darauf erwiderte der Zombie nichts, sondern ergriff den Kopf an seinem langen
Haar, bevor er sich zu der Mumie umdrehte, die diesmal etwas eingehender damit
beschäftigt war, diverse völlig durchweichte Fetzen auszudrücken. Noch warme
dicke Tropfen fielen mit dem weichen „Plopp“ zu Boden, das sie so sehr vom
Geräusch von Wassertropfen unterschied.
„Kann man dir vielleicht irgendwie behilflich sein?“
Die Mumie hielt unvermittelt inne und bedachte den Zombie mit einem jener
mißtrauischen Blicke, die verrieten, daß sie mit Hilfsangeboten dieser Art so
ihre eigenen Erfahrungen gemacht hatte – und jene Erfahrungen erweckten in ihr
nicht unbedingt das Bedürfnis, sie noch einmal zu wiederholen.
„Du? Mir helfen?“ Sie spuckte diese Worte aus, als hätte sie sie gerade eben
erst gelernt. „Und dann wringst du mich einfach kurzerhand aus, oder was?!“
Es gelang dem Zombie trotz seines entstellten Gesichtes so etwas wie ein
treuherziges Lächeln zustande zu bringen. „An so etwas hatte ich gedacht, ja.“
„Vergiß es bloß!“, explodierte die Mumie unversehens. „Bevor du mir so nahe
kommst, daß...“ Irgend etwas brachte sie abrupt zum schweigen und ihre
weißblauen Augen weiteten sich, während der Blick der stecknadelkopfgroßen
Pupillen gleichzeitig von ihrem Gegenüber abglitt und einen Punkt irgendwo
hinter dessen linker Schulter fokussierte. „Scheiße. Das hat mir gerade noch
gefehlt...!“
Dem konnte der Zombie nichts mehr hinzufügen, als er sich umwandte und selbst
entdeckte, was der Grund für die plötzliche Begeisterung der Mumie war. Wie
zuvor waren erneut zwei Gestalten um die Ecke und in die Gasse eingebogen, in
der sie standen. Die beiden Neuzugänge waren noch so weit entfernt, daß sie nur
undeutlich auszumachen waren, doch was von ihnen ersichtlich war, genügte
vollauf, um jeden wissen zu lassen, wie sehr sie sich von dem Pärchen
unterschieden, von dem nun nicht mehr viel übrig war. Davon abgesehen hätten sie
nicht einmal näher kommen brauchen, um die beiden Untoten erkennen zu lassen,
wie sehr sie sich tatsächlich in jeglicher Hinsicht von diesem unterschieden –
wobei hier die besondere Betonung auf jeglicher lag. Die beiden Untoten
hätten nicht einmal hinzusehen brauchen, sie konnten es spüren, auf eine Art und
Weise, für die erst einmal Worte erfunden werden mußten, um es überhaupt
beschreiben zu können. Dieser Fähigkeit hätte es allerdings auch nicht
gebraucht, um einen Unterschied festzustellen – um zu behaupten, die beiden
Neuankömmlinge sähen dem Pärchen ähnliche, dessen Einzelteile nunmehr auf dem
Asphalt verstreut lagen, mußte man schon nahezu mit Blindheit geschlagen sein.
Die eine, kleinere Gestalt von beiden hätte durchaus noch als das durchgehen
können, was man für gewöhnlich als „normal“ bezeichnete, was immer man sich
darunter auch vorstellen sollte. Genauer gesagt gehörte sie zu jenem Typ
Exemplar, der jedes auch nur annähernd mit Y-Chromsomen ausgestattetes Geschöpf
dazu gebracht hätte, auf die Hinterbeine zu steigen und den Mond anzuheulen.
Zumindest wenn man sich auf die Äußerlichkeiten beschränkte und davon absah, sie
eingehender kennenzulernen. Dann konnte sie nämlich ziemlich eindrücklich unter
Beweis stellen, wie blind Schönheit machen konnte. Natürlich wußte sie darum und
ließ sich deswegen auch keine Gelegenheit entgehen, ihre Reize in schöner
Regelmäßigkeit massivst einzusetzen – und wer dem widerstehen konnte, war
entweder katholischer Priester oder tot.
Als Untoter gewöhnte man sich mit den Jahren daran. Man hatte ohnehin keine
große Wahl, wenn man es Tag für Tag mit jemandem zu tun hatte, dessen
außerordentlich großzügiges Dekolleté – um es einmal vorsichtig auszudrücken –
einen so lange zum sabbern bringen konnte, daß man sich irgendwann über die
extreme Dehydration des eigenen Körpers zu wundern begann. Über diesen Zustand
waren sie schon längst hinaus, auch wenn es ihr manchmal diebische Freude
bereitete, mit den primitiven, ureigensten Instinkten zu spielen und so richtig
aufs Ganze zu gehen – um dann die gekränkte Diva heraushängen zu lassen, wenn
mal wieder keiner von ihnen darauf ansprang. Aber das war okay, solche Späßchen
mußten hin und wieder auch mal sein, aber in erster Linie herrschte zwischen
ihnen ein völlig normales Arbeitsverhältnis und sie setzte eher jene ihren
Reizen aus, von denen sie auch sicher sein konnte, daß sie diesen erlagen.
Was so ungefähr 99 Prozent der männlichen Weltbevölkerung war. Über mangelnden
Zuspruch konnte sie sich jedenfalls nicht beklagen. Und das nutzte sie gnadenlos
aus.
Ihre Schönheit war tödlich, doch wer dies erkannte, für den war es schon zu
spät. Wer wußte schon, daß ihr hinreißendes Lächeln das gleiche Ergebnis
erzielte wie der Biß einer Kobra?
In keinem Vergleich dazu stand die Gestalt an ihrer Seite, bei der es schwer zu
sagen war, war beeindruckender war: ihre Größe von mehr als zwei Metern oder ihr
ungeheuerliches Aussehen, das jeglicher Beschreibung scheinbar trotzen wollte,
und auch die Bezeichnung „Alptraum“ tat dem nur unzureichend Genüge. Was die
anziehende Untote an unnahbarer, eiskalter Schönheit zur Schau trug, das war bei
dieser Kreatur etwas, bei dem sogar Häßlichkeit das falsche Wort war. Vielleicht
mochte dies auf seine äußere Erscheinung zu treffen, doch erweckten seine für
seine Größe und Massigkeit ungewöhnlich federnden, selbstsicheren Bewegungen
eine womöglich zwar widerwillige Faszination, der sich jedoch niemand zu
entziehen vermochte. So abstoßend es auf den ersten Blick auch wirkte, so
unvermeidlich zog es einen zweiten auf sich, ohne daß es dem Betrachter gelang,
sich dem zu widersetzen.
Dabei ähnelte die Art seiner Bewegungen sehr jener der beiden anderen Untoten,
dem Zombie und der Mumie, doch auch wenn es sich wie diese auf zwei Beinen
bewegte, war sein Aussehen weit verräterischer. Kein Sterblicher konnte ein
Geschöpf wie dieses schon einmal gesehen haben, doch es genügte ein einziger
Blick, um zu wissen, was es war.
Ein Raubtier. Vielleicht der Archetyp aller Raubtiere.
Was sein Aussehen betraf – nun ja, da ersparte man sich am besten hilflose
Beschreibungsversuche. Selbst beim näheren Hinsehen machte es den Eindruck, als
sei die Haut, unter der die Muskeln mit geschmeidiger Leichtigkeit spielten,
eigentlich gar nicht vorhanden, sondern eher mit der unbeschreiblichen Geduld
eines Wahnsinnigen nahezu am Stück vom Körper abgeschält worden, aber das konnte
nicht sein, denn weder sah man auch nur den kleinsten Tropfen Blut noch rohes
Fleisch. Es war tatsächlich die Haut jener Kreatur, so merkwürdig sie auch
aussehen mochte – wobei es natürlich relativ war, inwiefern sich hier überhaupt
noch von merkwürdig sprechen ließ.
Und doch blieb irgendwo die leise Frage, ob dieser Kreatur nicht doch die Haut
vom Leibe gezogen worden war. Irgendwann, vor langer Zeit vielleicht.
Wer diesem Geschöpf allerdings gegenüberstand, würde diese Frage niemals
stellen. Nicht angesichts eines irgendwie entstellt wirkenden Schädels – wenn
auch auf eine gänzlich andere Weise entstellt als der des Zombies –, der sich
einen halben Meter über dem eigenen befand und zu einem Drittel aus einem
unbeschreiblich furchtbaren Kiefer bestand, der mit mehreren Reihen mörderischer
Zähne bestückt war. Für einen solchen Kiefer waren Lippen allerhöchstens
hinderlich und so gab es folgerichtig auch erst gar keine, die diese
grauenerregenden Zahnreihen hätten verbergen können. Solche Kiefer erweckten den
Eindruck, als seien sie ebenso mühelos dazu in der Lage einen Schädel zu knacken
wie die mit kurzen, aber kräftigen Klauen bewehrten Pranken, die jedoch ebenso
beweglich und geschickt aussahen wie die Hände eines Menschen. Der sich ständig
hin und her drehende Kopf verriet ebensoviel von der Wachsamkeit der Kreatur wie
ihre scheinbar dauerhaft angespannte Haltung, die sie ein wenig kleiner wirken
ließ als sie tatsächlich war.
Neben diesem Geschöpf erschien die wasserstoffblonde Untote trotz ihrer überaus
ausgeprägten weiblichen Merkmale nahezu zierlich und von vollendeter,
unantastbarer Eleganz, der nichts und niemand etwas anhaben konnte. Ganz im
Gegenteil, die Begleitung durch dieses Monstrum ließ sie in der dunstigen Nacht
um so kühler erstrahlen.
Wie sehr Äußerlichkeiten doch täuschen können, dachte der Zombie schon beinahe
spöttisch. Taten sie schon immer, werden sie immer tun.
Er ließ sich trotzdem eine kurze Weile vom Anblick dieses ungewöhnlichen
Pärchens gefangennehmen, bis ihn die heisere Stimme der Mumie wieder zurückriß.
„Was glaubst du?“, knurrte sie mürrisch, wobei sie einen Schritt nähertrat. „Ob
die beiden unsere Wachhunde sind? Damit wir auch alles richtig machen?“
Der Zombie zuckte unentschlossen mit einer Schulter. „Vielleicht.“ Möglich war
alles. Zumindest war es dem Chef zuzutrauen, daß er ihnen hinterherspionieren
ließ.
So weit war die Mumie inzwischen auch, allerdings nahm sie diesen Gedanken
entschieden weniger gleichmütig auf.
„Langsam übertreibt er ganz gewaltig“, zischte sie in sich hinein, jedoch immer
noch so laut, daß der Zombie sie mühelos verstehen konnte. „Ich meine, da haben
wir einmal Murks gemacht – und er führt sich auf, als hätten wir die
ganzen Jahre nur Scheiße gebaut! Der soll sich mal überlegen, wie weit er noch
gehen will, sonst kann er sich demnächst ‘nen anderen Blöden suchen, der den
ganzen Kram für ihn erledigt!“
Der Zombie erwiderte nichts darauf, sondern lächelte nur müde in sich hinein.
Die Mumie regte sich völlig zu Recht auf, da war er sicherlich der letzte, der
das bestreiten würde, auch wenn sie sich in einer Hochform wie schon lange nicht
mehr befand. Und was ihre Belastungsgrenze betraf, so mußte er zustimmen, da
hatte der Chef in letzter Zeit wirklich übertrieben – sie gingen, ohne dabei zu
billiger Rhetorik greifen zu wollen, wirklich auf dem Zahnfleisch. Aber ebenso
waren sie sich beide bewußt, daß ihnen der Job einfach zu großen Spaß machte, um
von jetzt auf gleich alles hinzuwerfen. Wenn die beiden, die ihnen
entgegenkamen, tatsächlich hier waren, um sicherzugehen, daß sie auch alles
richtig machten, dann war das nicht nur albern, sondern ließ ernstlich daran
zweifeln, wie groß das Vertrauen des Chefs in ihren Fähigkeiten noch war – und
das wiederum sorgte nicht nur für den üblichen verletzten Stolz, sondern zeugte
auch von einer Respektlosigkeit angesichts ihrer bisherigen Arbeit, die durch
nichts zu entschuldigen war.
Allerdings fragte er sich, ob das wirklich ausreichte, um nach der ganzen Zeit
alles hinzuschmeißen. Mit den Jahren lernte man, das eine oder andere einfach
hinunterzuschlucken und mit einer gequälten Grimasse darüber hinwegzusehen, aber
vergessen ließ es sich niemals. Und der Mumie waren ihre Drohungen offenbar
durchaus ernst. Da mußte schon einiges zusammenkommen, bis der Bursche einmal so
weit war. Und wenn er denn einmal so weit war, dann bedeutete es verdammt viel
Mühe, ihn wieder herunterzubekommen.
Sie standen einfach nur da und warteten, daß die beiden anderen näherkamen, und
während dessen konnte er spüren, wie sich die Spannung in der Mumie weiter
aufbaute. Der Kerl war höllisch geladen. Wahrscheinlich brauchte es nur noch
einen minimalen Auslöser, um ihn komplett hochgehen zu lassen. Aus diesem Grund
beobachtete der Zombie die beiden anderen auch ganz genau, um irgendein
Anzeichen auszumachen, das sie vielleicht verriet. Daß sich das große Ungeheuer
nichts anmerken ließ, verwunderte ihn kaum. Diese Kreatur war eigentlich
immer angespannt und sein Gesicht war aufgrund des einnehmenden Kiefers
ungefähr zu der gleichen Mimik fähig wie sein eigenes – was in etwa gen Null
tendierte. Von daher beschränkte er sich auch größtenteils darauf, die
ansehnliche platinblonde Untote zu beobachten, denn daß diese für gewöhnlich
ihre Schwierigkeiten damit hatte, sich nichts anmerken zu lassen, wußte er nur
zu gut. Dafür kannten sie sich einfach zu lange. Das Mädchen war einfach nicht
dazu in der Lage, irgend etwas für sich zu behalten, geschweige denn, daß sie
ausgerechnet ihm etwas vormachen konnte.
„Paß bloß auf, sonst fällst du noch in ihren Ausschnitt“, spottete die Mumie
leide. Der Zombie wandte sich nicht einmal zu ihr um.
„Eifersüchtig?“
Die Wasserstoffblondine strahlte schon über das ganze Gesicht, seit sie mit
ihrem monströsen Begleiter um die Ecke gebogen war, und soweit der Zombie das
einschätzen konnte, war es das typische offenherzige Strahlen von ihr, in dem
nicht der Funken von Falschheit lag. Das war merkwürdig, so aalglatt und eiskalt
sie ihre Opfer um den Finger zu wickeln vermochte, so gründlich versagte sie,
wenn sie jemanden zu täuschen versuchte, den sie länger als zwei Tage kannte.
Seltsamerweise war es andersherum ebenso: Auf Beutezug war sie die unnahbare
Lady, umgeben von einem Eispanzer, den nicht einmal eine Wagenladung C4 hätte
öffnen können, doch wer sie kannte, für den war sie wie ein offenes Buch, ihre
Stimmungen waren die Seiten, in denen man las, ihre Launen wie präzise
abgetrennte Kapitel.
Und so war es auch jetzt. Sie machte ihnen tatsächlich nichts vor, die
Überraschung, hier auf sie zu treffen, war ebenso echt wie ihre offenkundige
Freude darüber.
„Kalma, Amen!“, rief sie, nachdem sie sie fast erreicht hatte. „Schön, euch hier
zu sehen!“
Ja, es war abgedroschen – aber sie meinte es wirklich ernst, daran gab es keinen
Zweifel.
„Was für ein Zufall aber auch“, preßte sie Mumie so leise zwischen den
zusammengebissenen Zähnen hervor, daß sie nur der Zombie hörte. Und das Monster,
das aufmerksam den Kopf auf die Seite legte und Amen nachdenklich ansah, der
finster, aber stumm zurückstarrte.
Wenn die Untote etwas davon gehört hatte, dann ignorierte sie es kurzerhand und
erstickte diesen Mißmut mit ihrer unerschütterlichen guten Laune. „Was macht ihr
beiden denn hier?“
„Ich konnte nicht schlafen“, maulte die Mumie, „ und er wollte mich nicht allein
rauslassen.“
Der Zombie verdrehte nur kurz die Augen, wobei ihm der fragende Blick entging,
den die Wasserstoffblondine ihm dabei zuwarf. „Hörst du jetzt endlich auf
damit?!“
Amen machte eine abwehrende Geste, die mitnichten entschuldigend wirkte. „Schon
gut, schon gut“, gab er sich mit einer solchen Glaubwürdigkeit versöhnlich, die
ihm nicht einmal seine Mutter abgekauft hätte, selbst wenn sie nicht schon vor
endlosen Jahren zu Staub zerfallen wäre. „Ich hab’ ja nichts gesagt.“
Wie glaubwürdig diese Worte waren, war daran zu erkennen, daß das große
Geschöpf, das ihn immer noch unverwandt ansah, auf einmal den Eindruck machte,
als könne es sich ein Grinsen nur noch schwerlich verkneifen – obwohl das
aufgrund seiner Anatomie eigentlich ohnehin schon unmöglich hätte sein müssen.
„Hat den was gebissen?“, wollte die Untote von Kalma wissen, während sie die
eingeschnappte Mumie ratlos anstarrte. Sie war es nicht gewohnt, daß ihre gute
Laune derart wirkungslos abprallte.
„Noch nicht“, kam Amen dem Zombie zuvor und bedachte das Ungeheuer dabei mit
einem schiefen Blick von unten.
Dieses schnaubte nur und stieß dann ein kurzes Knurren aus, ohne dabei auch nur
die fürchterlichen Kiefer zu öffnen. Die Mumie aber legte mißtrauisch den Kopf
auf die Seite und zog in einer lauernden Geste die Schultern hoch.
„Wie, Waschmaschine?“
Ein weiteres Knurren, länger diesmal, ausführlicher, um es auch vertrockneten
Holzköpfen wie diesem hier verständlich zu machen. Und dieser verstand auch. Er
verstand so plötzlich, daß er einen Satz zurückmachte und jegliche mißtrauische
Anspannung von ihm abfiel, nur um grenzenloser Empörung Platz zu machen.
„Was soll das heißen, du willst mich in ‘ne Waschmaschine stopfen?!“, tobte er
ungehalten. „Was? Mich sauberkriegen? Was geht’s dich an, wie ich das
wieder sauberkriege? Du hast sie ja wohl nicht mehr alle! Du kannst mich doch
nicht so einfach... Du kannst doch nicht... Was meinst du? Nein, ich finde,
das geht dich überhaupt nichts an ! Komm’ mir bloß nicht zu nahe! Der
Spinner da will mich auswringen, du willst mich in ‘ne Waschmaschine stecken...!
Ihr habt doch nicht mehr alle Tassen im Schrank! Ich...“
„Reg’ dich wieder ab, ja?“, machte sich die wasserstoffblonde Untote über die
Flucherei der Mumie hinweg bemerkbar. „Kita wollte dir bloß helfen. Wenn du
ehrlich bist, dann mußt du zugeben, daß du aussiehst, als hättest du im
Schlachthaus gewildert.“
Aber die Mumie war gerade nicht unbedingt in der Stimmung, sich einsichtig zu
zeigen, von versöhnlichen Anwandlungen mal ganz zu schweigen.
„Helfen ? Ach, tatsächlich? Ist ja mal ganz was neues. So kenne ich euch
ja gar nicht, Leute, daß ausgerechnet einer von euch mal helfen will. Ich
glaube, da mache ich mir glatt noch ein Kreuz im Kalender, um diesen
denkwürdigen Tag festzuhalten!“
„Hör’ bloß auf, deinen Sarkasmus hier heraushängen zu lassen!“, fauchte die
Blondine plötzlich zurück. „Ich weiß ja nicht, was hier passiert ist, aber das
ist ja wohl kaum unsere Schuld!“ Mit einer Geste bezog sie dabei Kita und sich
selbst mit ein, doch Kalma bemerkte, daß sie ihn, bewußt oder unbewußt, dabei
ausschloß.
„Leck mich, Enary!“, präsentierte Amen alle Liebenswürdigkeit, die er gerade in
der Lage war aufzubringen. „Ich laß hier gleich noch was ganz anderes
heraushängen als bloß meinen Sarkasmus! Ich habe nie gesagt, daß es deine Schuld
ist, aber dann tu doch dir und vor allen Dingen mir den Gefallen und halte dich
aus Angelegenheiten raus, die dich einen Dreck angehen, ja?!“
Für einen Moment sah es ganz danach aus, als wollte Enary etwas darauf erwidern,
doch als sie sah, wie das wutschäumende Energiebündel von einer Mumie regelrecht
bebte und voller Anspannung darauf zu warten schien, daß sie etwas sagte, um
dann restlos in die Luft zu gehen, überlegte sie es sich doch noch anders und
schluckte ihre Worte hinunter. Statt dessen wandte sie sich an den Zombie.
„Ärger mit dem Chef?“, vermutete sie mit bewundernswerter Treffsicherheit. „Ist
er deshalb so frustriert?“
Kalma wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, doch wieder kam Amen ihm zuvor,
so daß er Enary lediglich einen vielsagenden Blick zuwerfen konnte.
„Von wegen frustriert!“, wehrte sich die Mumie giftspuckend gegen diese
Anschuldigung. „Ich bin überhaupt nicht frustriert! Mir steht’s nur bis hier
oben und das ziemlich gründlich!“
„Ja, und wenn dir die Luft ausgegangen ist, meldest du dich noch mal, okay?“,
ging Kalma plötzlich schneidend dazwischen. Er bewegte sich langsam am Rande
seiner Geduld und die Ausdauer seines Kollegen verbesserte an diesem Zustand
nicht unbedingt etwas. Was allerdings nicht bedeuten sollte, daß ausgerechnet
dieser sich davon jetzt auf irgendeine Weise beeindruckt zeigte – dafür war er
gerade viel zu gut in Fahrt.
„Hör’ mal, du Grünschnabel, da mußt du aber noch ein paar Jährchen älter werden,
bis mir mal die Luft ausgeht!“, stellte die Mumie ihren momentanen Gemütszustand
eindrucksvoll unter Beweis. „Und jetzt tu bloß nicht so, als ob dir das alles
sonstwo vorbeigeht!“
„Nein, tut es nicht“, gab der Zombie zu. „Ich posaune es aber auch nicht so
lautstark herum wie du. Was ist? Geh’ dich doch beim Chef beschweren, aber hör’
endlich auf, hier so ein Theater zu veranstalten!“
Es war kaum zu glauben, was für ein Feuer in eigentlich kühl erscheinenden
weißblauen Augen lodern konnte, doch dessen wurde man Zeuge, wenn man
beobachtete, wie die Mumie Kalma nun anstarrte, von ganz tief unten, und das,
obwohl sie größer war als der Zombie.
„Ein Scherzkeks bis zuletzt, wie?“, preßte sie mühsam zwischen
zusammengebissenen Zähnen hervor. „Beim Chef beschweren ? Den solltest du
dir echt patentieren lassen. Der... Aua !“
Der wuchtige Hieb gegen den Hinterkopf hätte jedem anderen ohne Zweifel den
Schädel zertrümmert. Amen reagierte vielmehr überrascht, stolperte einen Schritt
nach vorn, geriet ins Straucheln und wäre beinahe gestürzt, wenn er nicht doch
noch im letzten Moment das Gleichgewicht wiedergefunden hätte. Dann aber fuhr er
gedankenschnelle herum, mit einem Blick, der nahe dran war an reiner Mordlust,
während er sich mit einer Hand die schmerzende Stelle am Hinterkopf rieb. Und
dabei Kita anstarrte, als wolle er diesem bei lebendigem Leib die Innereien
herauspflücken. Mochte dies auf den ersten Blick aufgrund der deutlich
sichtbaren Unterschiede in Größe und mehr noch der Masse eher lächerlich wirken,
so stellte sich doch beim zweiten Blick die Frage, wie lächerlich es tatsächlich
anmutete. Es genügte einfach, die Augen mit dieser eigentümlichen hellen Farbe
anzusehen. Und was in diesen Augen lag, ließ das Selbstverständliche auf einmal
gar nicht mehr so sicher sein – man begann sich unwillkürlich zu fragen, wer
wirklich in der Lage war, wen zu zerreißen.
Kita nahm das alles offenbar nicht ganz so ernst. Wenn man sich besonders viel
Mühe gab, hätte man sogar behaupten können, daß er über das ganze häßliche
Gesicht breit grinste und sich über die wutschnaubende Mumie höchstens
amüsierte.
„Hast du sie eigentlich noch alle?!“, ging diese ihn an und machte einen
entschlossenen Schritt auf das größere Monster zu – was seltsamerweise alles
andere als lachhaft wirkte. „Was soll das denn?!“
„Ich glaube, er wollte damit bezwecken, daß du endlich mal die Klappe hältst“,
vermutete Kalma im für ihn typischen ebenso trockenen wie ruhigen Tonfall.
Amen wechselte einen flüchtigen Blick mit dem Zombie, bevor er den Kopf langsam
wieder zu dem Ungetüm umdrehte, das trotz seines furchterregenden Aussehens
plötzlich einen fast überzeugend unschuldigen Eindruck machte. „Ein bißchen
freundlicher hätt’s aber auch getan“, murrte er vor sich hin und rieb sich
erneut den offenbar immer noch schmerzenden, doch wie durch ein Wunder
vollkommen unversehrten Hinterkopf, um zu zeigen, was ihn jenen Aspekt der
Freundlichkeit hatte vermissen lassen.
„Seit wann bist du denn empfänglich für Freundlichkeit?“
„Ein Wort noch, Kalma, ein verdammtes Wort noch und ich erwürge dich mit deiner
eigenen Zunge, nachdem ich dir deinen elenden Zynismus und gleich darauf noch
jeden einzelnen Zahn zu schlucken gegeben habe!“
Daraufhin grinste der Zombie nur breit – jedenfalls stand das zu vermuten, denn
es machte den Eindruck, als ob er noch breiter grinsen würde als er ohnehin
tagtäglich gezwungen war zu tun. „Verschieb’s auf später, okay? Momentan steht
mir nicht so recht der Sinn danach.“
„Das ist prima, Jungs“, brachte Enary sich wieder in Erinnerung und zog damit
die Aufmerksamkeit der übrigen auf sich. „Denn eigentlich wollte ich mich mal
mit euch unterhalten.“
Daß die Mumie ein Mundwerk hatte, das eindeutig zu locker saß, wußten sie alle.
Man konnte sich daran gewöhnen. Wie schnell allerdings bisweilen der
nächste verbale Schuß kam, das vermochte selbst sie nach all den Jahren immer
noch zu überraschen.
„Was, nur unterhalten?“
Diese Frage war im Vergleich zum vorherigen Auftritt sehr ruhig und fast schon
unschuldig gekommen. Und für jenen Unbedarften, der auf Worte nur in Form
aneinandergereihter Buchstaben achtete, hätte diese Unschuld wohl auch durchaus
glaubwürdig geklungen. Wer aber gelernt hatte, zwischen den Zeilen zu hören, und
wer wußte, welche Bedeutung der Ton jener geäußerten Worte hatte, dem entging
keineswegs diese ganz bestimmte und nicht zu mißdeutende Betonung des ansonsten
so unverdächtig erscheinenden Wörtchens „unterhalten“.
Keinem der anderen entging die Bedeutung dessen und so ließ der nächste
freundschaftliche Hieb gegen den Hinterkopf hörbar Knochen knirschen.
„Aua!“, beklagte sich die Mumie. „Ist ja schon gut, ich hab’s verstanden! Tut
mir leid! Und jetzt sieh bloß zu, daß du auf Abstand kommst! Nein, in die andere
Richtung, du Spaßvogel!“
Es war nicht so, daß Kita darauf reagierte – außer vielleicht mit einem
abfälligen Schnauben –, und so sah Amen sich genötigt, selbst einen großen
Schritt zurück zu machen und sich und vor allen Dingen seinen Kopf aus der
Reichweite des größeren Monsters zu bringen, das daraufhin ein zufriedenes
Knurren aus abgrundtiefer Kehle hören ließ.
„Worüber wolltest du dich mit uns unterhalten?“, wandte sich die Mumie fast
schon hilfesuchend an die wasserstoffblonde Untote, um die allgemeine
Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Dabei gelang es ihr jedoch, immer noch
wachsam das massige Raubtier im Auge zu behalten.
Enary holte Luft. „Die Probleme mit dem Chef“, sagte sie. „Ich meine, glaubt
bloß nicht, daß ihr die einzigen seid, denen er momentan sprichwörtlich die
Hölle heiß macht. Ich weiß, ihr beiden brecht euch bald das Rückgrat bei dem,
was er euch alles aufs Auge drückt, aber nach Urlaub sieht es bei uns derzeit
auch nicht aus. Gerade den könnte ich mittlerweile aber ziemlich dringend
brauchen. Was also haltet ihr davon, wenn wir uns einfach mal zusammensetzen und
in Ruhe darüber reden? Ihr wißt doch genau, daß den Chef eine Szene wie vorhin“,
– damit wies sie mit einer flüchtigen Geste des Kopfes auf Amen, der eine
gequälte Grimasse zog –, „lediglich zu einer hochgezogenen Augenbraue veranlaßt,
bevor er seinen Aktenordner wieder auf den Tisch packt und das nächste Dutzend
Aufträge für die kommende Nacht herausholt.“
Bei dieser Vorstellung nickten die übrigen nur versonnen, denn
unglücklicherweise war ihnen diese Situation nur allzu vertraut.
„Und was hast du vor, nachdem wir uns zusammengesetzt und in Ruhe geredet
haben?“, wollte Kalma mit der üblichen, diesmal jedoch ein wenig versteckten
Spitze in seinem Tonfall wissen. Enarys Lächeln nahm darauf hin nur den Glanz
kühlen Triumphes an.
„Ihm vorzuschlagen, ein paar Leute zusätzlich einzustellen.“ Sie sah sich in der
Runde um, doch statt der wohl erwarteten Gratulationen für diese so einfache wie
brillante Idee schlug ihr allgemeines Schweigen entgegen. Nun ja, zumindest fast
allgemeines Schweigen, denn Amen kämpfte mit einem ziemlich bösartig klingenden
Hustenanfall, der ihn urplötzlich befallen hatte, nachdem Enary ihren Vorschlag
geäußert hatte. Kita beschränkte sich diplomatisch darauf, skeptisch
dreinzusehen und in Kalmas smaragdgrünen Augen lag sogar etwas wie kaum
unterdrückter Widerwille.
„Zusätzlich einstellen?“, preßte er nur mühsam zwischen den Zähnen hervor und
machte damit die allgemeine Begeisterung für diesen Einfall deutlich. Und obwohl
er nicht weiter ausführte, was er dachte, erkannte Enary sofort, was er damit
meinte.
„Das wird wohl kaum unumgänglich sein“, stellte sie mit fester Stimme klar.
„Mach’ dir nichts vor, Kalma. Gute Miene zum Spiel, ja, sicher, aber du gehst
ebenso auf dem Zahnfleisch wie wir. Glaubst du etwa, an dem Zustand wird sich
noch was bessern? Saisonal bedingt vielleicht?“ Sie lachte kurz, aber humorlos
auf. „Seien wir doch mal ehrlich: Die Auftragslage ist so gut wie nie zuvor –
und für uns vier einfach nicht mehr zu schaffen. Das ist nichts, wofür man sich
schämen oder befürchten müßte, aus dem Geschäft gedrängt zu werden“, – hierbei
sah sie jeden der drei anderen eindringlich an –, „aber mit dieser Tatsache
müssen wir uns nun mal auseinandersetzen.“
„Nein“, korrigierte sie der nun wieder zu Atem kommende Amen höflich, wenn auch
ein wenig unverständlich, da er immer noch nach Luft rang. „Damit wirst du
dich mit dem Chef auseinandersetzen müssen. Wenn wir damit bei ihm antraben,
hält er uns bloß wieder einen Vortrag darüber, daß das früher doch auch alles
funktioniert hat.“
„Bei einem Bruchteil der heutigen Weltbevölkerung“, ergänzte der Zombie finster
und die Mumie zuckte mit den Schultern.
„Ja, aber erklär’ ihm das, nicht mir.“
Schweigend tauschten sie Blicke untereinander aus, während Enary ungeduldig
darauf wartete, daß sie zu einem Entschluß kamen. Schließlich war es wieder
Kalma, der das Wort ergriff.
„In Ordnung“, meinte er. „Setzen wir uns also zusammen und unterhalten uns – und
versuchen dabei ein paar Argumente zusammenzukratzen, mit denen wir den Chef
überzeugen können, neue Leute einzustellen.“ Das Nicken der Mumie und des
Monsters ließen ihn wissen, daß er ihre stumme Zustimmung wohl in richtige Worte
gefaßt hatte.
Sie hatten sich gerade erst umgewandt und in Bewegung gesetzt, wobei er erneut
in seinen Taschen nach Zigaretten suchte, da stieß Enary ihn mit dem Ellbogen
an. „Was ist das?“
Er folgte ihrem neugierigen Blick, der mit unzweifelhafter Eindeutigkeit auf
etwas gerichtet war, doch bevor er antwortete, zündete er sich eine Zigarette
an, legte den Kopf in den Nacken und stieß den ersten Atemzug stumpfgrauen
inhalierten Rauch aus. Er hatte schon vor langer Zeit aufgehört darüber
nachzudenken, wie das eigentlich noch funktionieren konnte. So manche Laster
verlor man selbst als Untoter nicht, auch wenn die physische Beschaffenheit gar
nicht mehr dafür ausgerichtet war.
Zumindest manche physische Beschaffenheit. Andere dagegen funktionierte
weiterhin einwandfrei.
„Ein Schädel“, sagte er schließlich, doch während Amen leise etwas vom neuen
Höchststand grenzdebiler Antworten stöhnte, funkelte ihn die wasserstoffblonde
Untote an seiner Seite nur wütend an. Wenn sie wütend wurde, dann wurde sie erst
so richtig interessant, obwohl sie sich schon seit Ewigkeiten kannten. In
gereiztem Zustand wurde sie richtiggehend anziehend.
„Ist es denn zu fassen?“, fauchte sie, als sie erkannte, daß sie keine bessere
Antwort erhalten würde. „Wer hätte das gedacht? Ein Schädel! Was für ein Glück,
daß du mich nicht dumm sterben läßt!“
Er sagte nichts dazu. Er hätte jetzt eine ganze Menge sagen können, aber er
sagte nichts, weil er ganz genau wußte, daß sie das nicht ertragen konnte.
Zumindest nicht für lange. Für eine kurze Weile hielt sie sich wirklich eisern,
doch die zarten rosafarbenen Flecken auf ihren sonst milchweißen Wangen ließen
wissen, wie es um ihre Beherrschung wirklich bestellt war.
„Neues Stück für deine Sammlung?“, versuchte sie es dann auf andere Weise, wobei
er still in sich hineinlächelte. Manchmal war es wirklich so leicht, mit dem
Mädchen zu spielen!
„Hmm“, meinte er nur eloquent und nickte bejahend. Das stimmte sie offenbar ein
wenig friedfertiger, denn statt mürrisch vor sich herzubrüten, versuchte sie nun
den gleichmäßig schaukelnden Kopf, den er an den Haaren ergriffen hatte, zu
mustern.
„Du glaubst doch nicht ernsthaft, daß das auch nur irgendeine Konkurrenz für
mich ist, oder?“ Ihr Lächeln nahm einen so verschwörerischen Zug an, daß man
sich fragen konnte, was da noch in ihren Augen lag, das da auf einmal so
merklich funkelte. Es schien etwas zu sein, von dem sie annahm, daß es nur sie
und den Zombie etwas anging, zur gleichen Zeit jedoch so offensichtlich war, um
nicht einmal des kleinen Einmaleins mächtig sein zu müssen, um auch andere
erkennen zu lassen, worum es ging.
„Ja“, kam es verhalten vom Amen, ganz der Charmeur, der er nicht war, „aber im
Gegensatz zu deinem hält ihr Kopf die Klappe, wenn man ihn abschneidet und ihn
sich ins Regal stellt.“
Er konnte so alt werden, wie er wollte, doch er würde nie lernen, den Mund zu
halten, wenn dies ratsamer war.
Erneut ein Geräusch, bei dem Knochen einer starken Belastungsprobe unterzogen
wurden.
„Aua !“
Ende Kapitel 1